Die Zukunft des VW Passat Bleiben wir mal sachlich

Eine kleine Wirtschaftsmeldung zieht Kreise.

Die Schlagzeilen häufen sich, jetzt macht auch Deutschlands Klickmaschine focus.de mit und titelt heute (08.11.2018) „Neuer Auto-Hammer: VW stellt offenbar seine legendäre Familienkutsche ein“.

Gemeint ist der Passat. Focus bezieht sich, wie andere Publikationen, auf einen Bericht der Hannoverischen Allgemeinen Zeitung. Dort wird von einer Produktionseinstellung des VW Passat im Werk Emden für das Jahr 2022 berichtet. Die Fabrik soll, zusätzlich zum Standort Zwickau, für die Produktion von Elektroautos umgebaut werden.

Außerdem sollen im Zuge der bereits angekündigten Kooperation mit Ford Teile der Nutzfahrzeugproduktion aus Hannover zu Ford in die Türkei verlegt werden. AUTONOTIZEN ist meist objektiv, aber immer noch eine „One-Man-Show“. Deswegen darf hier jetzt mal eine eigene Einschätzung gelten, um dem medialen Aufschrei die Stirn zu bieten.

VW wird mit dem Start der ID-Modellfamilie und den MEB-Derivaten der Konzernmarken ganz gewiss ein großer Elektro-Player und für eine schnelle Marktdurchdringung der Stromer sorgen. Das hören zwar die Tesla-Jünger nicht so gern, für die ja auch ein ziemlich gut gelungener Hyundai Kona Elektro ihrem Model 3 nicht das Wasser reichen kann. Nun gut, beide Autos sind aktuell schwer zu bekommen, der Koreaner aber zumindest verbindlich bestell- und theoretisch in Deutschland lieferbar.

Aber zurück zum Thema. 2019 stellt VW, kurz vor der Weltpremiere des ID. Neo im Serientrimm, die achte Generation des Golf vor. Als Benziner und wohl auch als Diesel, sicherlich als Plug-in-Hybrid. Einen VW e-Golf wird es sinnvollerweise nicht mehr geben, dafür steht der MEB bereit.

Auch in der Mittelklasse wird es elektrische Angebote geben, sei es als Limousine in Form des ID. Vizzion oder als SUV wie die Studie ID. Crozz. Die SUV graben den traditionellen Fahrzeugsegmenten beharrlich das Wasser ab, es gibt gewiss viele einstige Passatfahrer, die mittlerweile zum Tiguan greifen. Oder zum T-Roc, weil die Kinder aus dem Haus sind und man weniger Platzbedarf mit mehr Lifestyle kompensieren will.

VW Passat Ende Emden Hannover Elektroauto

Und genau hier liegt – der Meinung des Autors nach – der Fehler in den marktschreierischen Berichten. Denn der Privatkunde für Tiguan, T-Roc, Toyota RAV4, Kia Sportage und Co. hat in vielen Fällen zuvor einen Firmenwagen gefahren.

Ein Auto, bei dem die CO2-Vorgabe der Fuhrparkabteilung Motorisierung und Fahrzeugklasse vorschreibt. Und da ist eine Limousine oder ein Kombi nach wie vor bessergestellt als ein höher bauendes SUV. Der Außendienstler wird zudem in Zukunft auch gerne die Wahl haben, ob er lieber flüssigen Kraftstoff tankt, oder ob Kilometerleistung und Taktung seiner Einsätze das Stromzapfen an Schnellladern erlauben.

Es gibt genug Absatzpotenzial für einen zukünftigen Passat. Und das wird sich VW nicht entgehen lassen, da es sich nicht um eine automobile Randerscheinung wie die eingestellten Beispiele von Toyota (Avensis) oder Honda (Accord) handelt.

Der VW Passat baut auf dem MQB auf, früher hätte man gesagt „auf dem Golf“. Und wie das Denken an die Plattform ist auch die Fertigung in einem Fabriknetzwerk flexibler geworden. Es spricht also vieles dafür, dass VW künftig Golf und Passat zum Beispiel auf einem gemeinsamen Band in Wolfsburg fertigt.

Die gewiss niedrigeren Absatzzahlen dieser beiden Modellreihen dürften sich in der Produktion flexibel darstellen lassen, gleichzeitig liefert der Hersteller den Kunden die gewünschten SUV oder Elektroautos aus Emden und Zwickau.

VW Passat Ende Emden Hannover Elektroauto

Bevor jetzt gleich die Email-Adresse aus dem Impressum gesucht wird, um mir eine ewig gestrige Ansicht zu unterstellen – einen Moment noch!
Es gibt schon heute tolle und alltagstaugliche Elektroautos, einige davon sind auch bei AUTONOTIZEN bereits dargestellt worden. Der erste Alltagstest eines Brennstoffzellenautos steht – vorurteilsfrei – in Kürze an.

Ich werde mich gerne an manchen Lärm, den ein sportlicher Verbrenner macht, erinnern, aber die lautlose Fahrt im Elektroauto mindestens ebenso sehr genießen. Fahrfreude lässt sich vielfältig definieren.

Sollte es tatsächlich keinen VW Passat mehr geben, werden hier keine Fahnen auf Halbmast wehen. 2019 steht das Facelift der Baureihe an. Das wird bei AUTONOTIZEN vorgestellt und gewiss auch zur Probe gefahren. Wie hoffentlich dann auch der erste ID. Und Autos anderer Marken. Mit Verbrenner, sogar mit Diesel. Und mit Elektroantrieb.

Bei aller Euphorie sollte man die Dinge aber sehen, wie sie sind. Der Volkswagen-Aufsichtsrat wird Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auf Werke wie Emden oder Hannover haben. Im Sinne des Unternehmens. Bei einer Neuausrichtung des Werkes aber gleich vorschnell vom Ende des Passat zu sprechen, halte ich für verfrüht.

VW Passat Ende Emden Hannover Elektroauto

Und wenn VW die aktuelle T6-Baureihe künftig aufsplittet und die Nutzfahrzeugvarianten zusammen mit dem Ford Transit in der Türkei fertigt, ist das natürlich bitter für den Standort Hannover. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht aber eine vielleicht notwendige Antwort auf sich ändernde Kosten- und Nachfragestrukturen.

Wer weiß, vielleicht baut VW in Hannover dann künftig zusätzlich zu Multivan und California auch Modelle für Skoda oder andere Konzernmarken. Oder weitere Elektroautos. Nur halt kein „das war schon immer so“. Liege ich richtig? Liege ich falsch? Wir werden sehen. Wer jetzt trotzdem eine Email schicken will, der kann das sehr gerne tun.

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Text: Bernd Conrad
Bilder: Bernd Conrad, Benjamin Brodbeck (1)