Der neue Kia EV5 im ersten Fahrbericht.
Kia hat in den letzten Jahren sein Angebot an Elektroautos zügig ausgebaut, die Palette reicht bald vom kleinen EV2 bis zum großen SUV-Flaggschiff EV9. Bei dieser Umtriebigkeit wunderte man sich schon, warum die Koreaner im heiß umkämpften Segment der Kompakt-bis-Mittelklasse-SUV kein Modell gegen VW ID.4, Skoda Enyaq und Co. zu den Händlern in Europa bringen. 2024 wurde der Kia EV5 in China für den dortigen Markt vorgestellt. Knapp zwei Jahre später kommt die Baureihe (aus südkoreanischer Produktion) jetzt auch zu uns.
Der optische Eindruck ist nicht überraschend, dürfte aber trotzdem für Diskussionen am Gartenzaun oder am Stammtisch sorgen. Auch der EV5 folgt der „Opposites United“ genannten Designsprache mit vielen geraden Linien, vertikalen LED-Streifen und großen Blechflächen. Damit reiht er sich klar in die Familie der Kia-Elektro-SUV zwischen EV2, EV3 und EV9 ein. Was kann der elektrische Bruder des Bestsellers Sportage? Das finden wir bei einer ersten Testfahrt heraus.
So fährt sich der EV5
In Barcelona starten wir den Antrieb des EV5, schälen uns aus dem Flughafengelände und direkt auf die Ringautobahn. Die Fahrassistenz hält Tempo (Limit 120) und Abstand, auch die Spurführung gefällt mit einer ausgewogenen Arbeitsweise. Abroll- und Windgeräusche sind kaum wahrnehmbar. Das SUV wogt sanft über längere Wellen im Asphalt, zeigt einer eher komfortorientiert-weiche Abstimmung. Querfugen donnern dann aber recht unvermittelt durch. Auf kurvigen Landstraßen in den Bergen nördlich der Stadt verstärkt sich dieser Eindruck. Kurze Anregungen, beispielsweise durch Wurzelaufbrüche, bringen Bewegung in den Aufbau, mit deren Abbau sich die weichen Dämpfer Zeit lassen. Menschen mit empfindlichem Magen dürfte das auf Dauer stressen. Im subjektiven Fernvergleich des Autors erinnert die Fahrwerksabstimmung des EV5 an den Kia Sorento. Die Lenkung ist sehr leichtgängig. Bei schnellen Richtungswechseln fühlt sie sich etwas synthetisch an, in neun von zehn Fahrsituationen im EV5-Alltag dürften künftige Kunden da aber weder bemerken noch bemängeln.
Der Elektromotor treibt mit einer Leistung von bis zu 160 kW (218 PS) und 295 Newtonmetern Drehmoment die Vorderräder an. Untermotorisiert fühlt sich der immerhin fast 2,2 Tonnen schwere EV5 bei normaler Fahrweise nicht an. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 165 km/h. In 8,4 Sekunden beschleunigt der EV5 aus dem Stand auf 100 km/h. Auch hier zeigt dich das hohe Gewicht des SUV. Der kompaktere Bruder EV3 mit 150 kW (204 PS) hat den Spurt auf Landstraßentempo in 7,7 Sekunden erledigt. Ein Unterschied, der aber eher am Stammtisch als im Fahralltag eine große Rolle spielen wird.
Den Stromverbrauch des Kia EV5 GT-Line gibt der Hersteller mit 17,8 kWh/100 km an. Die Energie im 81,4 kWh großen Lithium-Ionen-Akku soll nach Norm für 505 Kilometer Reichweite sorgen. Hier ist der direkte Einfluss der Konfiguration auf Verbrauch und Radius im Datenblatt gut ablesbar. Das Basismodell mit 18-Zoll-Rädern kommt, der Herstellerangabe zufolge, 530 Kilometer weit. Optionale 19-Zöller reduzieren diesen Wert um zehn auf 520 Kilometer. Der EV5 GT-Line mit etwas schlechterer Aerodynamik und mehr Ausstattung (Gewicht) hat die o.g. Reichweite von 505 Kilometern.
Am Ende unserer Testfahrten meldet der Bordcomputer einen Durchschnittverbrauch von 21,1 kWh/100km, die Reichweite liegt also rein rechnerisch im Bereich von rund 400 Kilometern. Einfluss auf die Effizienz hat der Fahrer auch mit der über Schaltwippen am Lenkrad steuerbaren Energie-Rekuperation. Hier kann man mehrstufig eingreifen, bis hin zum Einpedal-Fahren. Dann hält der EV5 ohne Betätigung des Bremspedals an. Auch eine Stufe zur automatischen Steuerung der Rekuperation ist einstellbar.
Der Ladeanschluss liegt vorne rechts im Kotflügel. An einer Wallbox oder einer öffentlichen Ladesäule im urbanen Raum fließt Strom dreiphasig mit 11 kW. Eine vollständige Ladung, begonnen bei zehn Prozent SoC (State of Charge, Ladestand des Akkus) dauert knapp siebeneinhalb Stunden. Ein 22-kW-Ladegerät dürfte, nachdem der kleine Kia EV2 damit auftrumpfen wird, wohl in naher Zukunft optional erhältlich sein. Eher durchschnittlich ist auch die maximal erreichbare Leistung am Schnelllader. 150 kW sind theoretisch machbar, nachprüfen konnten wir das im Rahmen des ersten Fahrtermins noch nicht. Die Kia-Modelle, die die E-GMP-Architektur in der Ausprägung für Frontantrieb nutzen, haben ein 400-Volt-Bordnetz. Die 800V-Technologie gibt es erst ab EV6 aufwärts.
Viel Platz für Passagiere und Gepäck
Mit einer Länge von 4,61 Metern, einer Breite von 1,88 Metern und einer Höhe von 1,68 Metern ragt der Kia EV5 eigentlich schon in die Mittelklasse hinein, im Verständnis der Koreaner ist er jedoch ein Kompakt-SUV. Wir ordnen ihn, unabhängig von reinen Zentimeter-Angaben, als Mitbewerber von Skoda Enyaq, VW ID.4 und Renault Scenic ein. Im weiteren Sinne ist auch der Konzern-Bruder Hyundai Ioniq 5 ein Konkurrent für den EV5.
Auf dem Fahrerplatz sitzt man ungewohnt hoch im Auto. Dieses Gefühl wird von der niedrigen Gürtellinie und der gerade, voll einsehbaren Motorhaube noch verstärkt. Der Anzeigen-Horizont in Form von zwei jeweils 12,3 Zoll und einem 5,3 Zoll großen Display baut sich nicht zu hoch vor den Insassen auf. Wer bisher Sportage oder einen anderen aktuellen Kia gefahren hat, kennt sich sofort aus. Neulinge brauchen nicht lange, um sich an die Sortierung der Menüs im zentralen Touchscreen zu gewöhnen. Und um zu erkennen, dass das an sich gut gedachte Klima-Display links davon vom Fahrer kaum einsehbar ist. Lenkradkranz und die rechte Hand sind im Blickfeld. Immerhin: Die Innenraumtemperatur und weitere Funktionen lassen sich über ergonomische Kippschalter steuern, darüber sind eine Walze zur Einstellung der Audio-Lautstärke und Tastfelder für wichtige Menüpunkte, beispielsweise die Ansicht der Navi-Karte, platziert.
Auf den bequemen Sitzen hält man es gerne auch länger aus, in der GT-Line darf ich (leider nur) der Fahrer auch über eine Massagefunkton freuen. Der üppige Fond zeichnet den EV5 als Familien-SUV aus. Vor den Knien und über der Frisur gibt es viel Luft, die bequeme Bank erlaubt die Verstellung der Lehnen-Neigung. Dahinter wartet ein üppiger Kofferraum auf Urlaubsgepäck oder Sportgeräte, er schluckt 566 Liter. Dazu kommt ein Fach unter der vorderen Haube mit 44 Litern Volumen. Hier kann man, mit etwas Geschick, das Ladekabel einrollen. Bei der Laderaumerweiterung im Heck zeigt der Kia EV5 einen schönen Trick, den viele andere Autohersteller in den letzten Jahren scheinbar vergessen haben. Beim Vorklappen der Lehne senkt sich die Sitzfläche ab. Es entsteht eine gerade, ebene Fläche unter maximal 1.650 Litern Laderaum. Die Ladefläche soll zwei Meter lang sein. Ohne Maßband glauben wir das nur bei ganz nach vorne geschobenen Sitzen von Fahrer und Beifahrer. Bei so viel Raum und Variabilität wundert man sich aber, dass kein Trennnetz verfügbar ist, um raumhohe Ladung im Fall einer starken Bremsung oder eines Unfalls aufzuhalten. Die Anhängelast lieg bei immerhin 1.200 Kilogramm. Die Stützlast von 100 Kilogramm reicht auch für einen soliden Fahrradträger mit zwei E-Bikes darauf.
Ausstattung und Preise
Die Preisliste für den Kia EV5 startet bei der Basis-Ausstattung Air mit 45.990 Euro. Dann sind 18-Zoll-Räder angeschraubt, die LED-Scheinwerfer haben einen Fernlichtassistenten. Ein Navigationssystem mit Kartenupdates für sieben Jahre, Parksensoren an Front und Heck, Rückfahrkamera, Totwinkelwarner, Spurhalteassistent mit adaptiver Geschwindigkeitsregelanlage und ein KI-basierter Sprachassistent sind serienmäßig. Letzterer wird aber nur für 12 Monate freigeschaltet, danach ist eine Abo-Gebühr fällig. Wärmepumpe und Sitzheizung gibt es nur im Paket, zusammen für 1.290 Euro. Zur Einordnung: Ein ähnlich ausgestatteter Skoda Enyaq 85 ist rund 3.000 Euro teurer als der EV5, hat dann aber mit 210 kW (286) mehr Leistung.
Im Kia EV5 Earth für 48.990 Euro sind Wärmepumpe und Sitzheizung sowie Lenkradheizung, Dreizonen-Klimaautomatik, elektrisch verstellbarer Fahrersitz und elektrische Heckklappe, eine induktive Smartphone-Ladeschale, 230V-Steckdose im Kofferraum und 19-Zoll-Felgen zusätzlich dabei. Außerdem liegt ein V2L-Adapter (Vehicle-to-Load) im Auto, der EV5 kann andere Verbraucher mit bis zu 3,6 kW Leistung aufladen.
Weitere 3.000 Euro bringen das Upgrade zur GT-Line, deren Listenpreis also bei 51.990 Euro liegt. Jetzt lässt sich auch der Beifahrersitz elektrisch einstellen, der Fahrer bekommt die angesprochene Massagefunktion. Kunstlederbezüge und Ambiente-Licht werten den Innenraum unter einem schwarzen Dachhimmel auf, dazu kommt ein Audio-System der Marke Harman/Kardon. Äußerlich ist der EV5 GT-Line an speziell gestalteten Stoßfängern zu erkennen.
Zum Marktstart will Kia den Kunden einen EV5 mit „voller Hütte“ schmackhaft machen. Dafür bietet man die GT-Line in der Launch Edition an. Sie kostet 52.990 Euro, also 1.000 Euro mehr. Die Ausstattung wird um Metalliclackierung, Panorama-Glasschiebedach, den aktiven Totwinkelassistenten mit der Anzeige von Kamerabildern im Instrumentendisplay, digitalem Fahrzeugschlüssel mit Fingerabdrucksensor, Head-up-Display, 360-Grad-Rundumsicht und einer Park-Fernbedienung erweitert. Der Preisvorteil liegt bei 2.880 Euro (wir haben das natürlich nachgerechnet).
Preis-Vergleich mit Skoda Enyaq
Ein mit ähnlicher Fülle ausgestatteter Skoda Enyaq 85 kommt auf einen Listenpreis von 56.650 Euro. Der Tscheche bringt dann aber Matrix-LED-Scheinwerfer mit adaptiven Funktionen mit, die es für den EV5 nicht gibt. Sein Head-up-Display zeigt zudem auch AR-Inhalte (Augmented Reality) an, die Windschutzscheibe lässt sich beheizen.
...oder doch Sportage?
Es drängt sich natürlich auch der markentinterne Preisvergleich auf. Wer technologieoffen beim Kia-Händler nach einem SUV Ausschau hält, steht vielleicht vor der Überlegung: Sportage oder EV5? Dabei gehen wir mal von einer Stecker-Affinität aus und stellen den Sportage Plug-in Hybrid in der für 2026 neuen Variante mit Frontantrieb und einer Systemleistung von 212 kW (288 PS) neben den Elektro-Bruder. Der Sportage PHEV GT-Line kostet 52.500 Euro. Mit der Ausstattungsfülle der EV5 Launch Edition (Soundsystem, Panorama-Glasschiebedach, Assistenzpaket) klettert der Preis auf 56.280 Euro. Dazu kommt theoretisch noch die Standheizung aus dem Zubehör, die mit Einbau 2.350 Euro kostet, der Sportage-Preis klettert also auf 58.630 Euro - 5.640 Euro über dem EV5 GT-Line Launch Edition.
Jeder Kia, also auch Sportage und EV5, kommen mit einer Neuwagengarantie für den Zeitraum von sieben Jahren ab Erstzulassung zum Kunden, begrenzt bis zu einer Laufleistung von 150.000 Kilometern.
Fazit
Der Kia EV5 ist ein geräumiges Elektro-SUV, bei dem vor allem der großzügige Fond und das Kofferraumvolumen auf Kundeninteresse stoßen werden. Der 160 kW starke Antrieb reicht aus, macht den EV5 aber nicht zum Sportler. Immerhin: Auf der Brüssel Motor Show wurde ja bereits der EV5 GT mit Allradantrieb und mehr Leistung gezeigt. Höchsten 150 kW Ladeleistung zeigen die Grenzen der 400-Volt-Technik auf. Die Preise sind nicht wirklich günstig, dafür bringt der EV5 aber eine ordentliche Serienausstattung mit.
Technische Daten
Kia EV5 GT-Line Launch Edition
- Antriebsart
- Elektro
- Antrieb
- Frontantrieb
- Getriebe
- Eingang-Reduktionsgetriebe
- Elektromotor: Maximale Leistung kW
- 160 kW (218 PS)
- Elektromotor: Maximales Drehmoment
- 295 Nm
- Batterie
- 81,4 kWh
- Batterie: Typ
- Lithium-Ionen
- Maximale Ladeleistung Gleichstrom (DC)
- 150 kW
- Ladeleistung Gleichstrom (DC) im Test
- 11 kW (dreiphasig)
- Beschleunigung 0-100 km/h
- 8,4 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit
- 165 km/h
- Norm-Verbrauch kWh / 100 km
- 17,8 kWh (GT-Line mit 19-Zoll-Felgen)
- Reichweite nach Norm
- 505 Kilometer
- Kofferraumvolumen
- 566 - 1.650 Liter + 44 Liter Frunk
- Leergewicht
- 2.169 kg
- Anhängelast (gebremst)
- 1.200 kg
- Stützlast
- 100 kg
- Länge / Breite / Höhe
- 4.610 / 1.875 / 1.680 mm
- Basispreis Baureihe
- 45.990 Euro
- Testwagenpreis
- 52.990 Euro