Cadillac Vistiq

Cadillac Vistiq Edel und rar

7:17 Min.

Selten auf der Straße zu sehen: Der elektrische Cadillac Vistiq im Alltagstest mit Video-Review.

Wie Hagelkörner in einem Gewittersturm prasseln aktuell neue Marken, vornehmlich aus China, auf Autokunden ein – auch im Premium-Segment. Da verliert man schnell den Überblick. Mal im Ernst: Wer denkt beim Thema Neuwagen mit Elektroantrieb im großen Format sofort an Cadillac? Die traditionsreiche US-Marke, Teil des GM-Konzerns, hat sich vor einigen Jahren mal wieder eine Neuerfindung auf die Fahnen geschrieben. Wertige und nicht gerade preiswerte Elektroautos sollen den Erfolg bringen, nachdem zuletzt Händler und Kunden außerhalb der USA mit dem Kompakt-SUV XT (sogar mit Vierzylinder-Diesel!) irritiert wurden.

Ein seltener Anblick

Auf dem nordamerikanischen Heimatmarkt bilden die Verbrenner-Limousinen CT4 und CT5 den Einstieg in einer Modellpalette, an deren oberen Ende der mächtige Escalade parkt. Ihn gibt es auch mit Elektroantrieb. Alles dazwischen, also die Crossover-Baureihen Optiq und Lyric sowie den Vistiq, wird grundsätzlich mit Strom betrieben. Die drei letztgenannten Modelle werden auch in Europa angeboten. In Deutschland bewegen sich die Zulassungszahlen weiterhin auf seinem sehr geringen Niveau, was wohl auch am dürren Händlernetz liegt. Gerade einmal fünf Standorte umfasst das Händlernetz, keiner davon liegt im Süden der Republik. 50 Neuzulassungen verzeichnet das KBA (Kraftfahrt-Bundesamt) für die ersten neun Monate des Jahres 2026. Darunter befinden sich 29 Cadillac Escalade, die über freie Importeure ins Land kamen. Dessen kleiner Bruder, der Vistiq, bekam im genannten Zeitraum fünfmal Kennzeichen montiert.

Klein ist relativ, den für sich genommen ist der Cadillac Vistiq ein Trumm von Auto. 5,22 Meter lang, mit Außenspiegeln 2,21 Meter breit und 1,79 Meter hoch ist das SUV. Die mächtige Präsenz wird durch das kantige, aufrechte Markendesign mit vertikalen Scheinwerfern an der großen Frontmaske und steilem Heckabschluss optisch verstärkt. Die damit einhergehende gute Übersicht, zumindest nach vorne und zur Seite, erleichtert den alltäglichen Umgang mit dem Dickschiff ebenso wie die Hinterachslenkung (gegensinniges Einlenken der Räder bei niedrigem Tempo für eine Reduktion des Wendekreises auf 12,1 Meter) und die vielen Kameraaugen für eine 360-Grad-Rundumsicht.

Der Cadillac Vistiq im Video

Je nach Ausstattung ist der Cadillac Vistiq ein Sechs- oder Siebensitzer, die edleren Versionen haben zwei vielfach verstellbare Einzelsitze in der zweiten Reihe anstelle einer Dreier-Sitzbank. Platz gibt es in Hülle und Fülle, für das Wohlbefinden sorgt zudem ein Touchscreen zum Einstellen der Innenraumtemperatur und der Sitzheizung. Auch eine Gegensprechanlage für die gepflegte Unterhaltung im hallenartigen Innenraum ist an Bord. Dank ihr können auch die Mitfahrer auf den beiden Einzelplätzen ganz hinten mitreden – und dabei auch berichten, dass sie mit zu wenig Knieraum und einer unergonomisch tiefen Sitzposition zu kämpfen haben. Einmal mehr zeigt sich, dass Siebensitzer-SUV für die Passagiere in der dritten Reihe nicht mehr als eine Notlösung sind. Im Alltag dürfte man die hintersten Plätze meist elektrisch im Boden versenken, was das Kofferraumvolumen von 297 auf üppige 889 Liter erhöht. Leider gibt es, in Verbindung mit den Einzelplätzen, keine starre Trennung zwischen Lade- und Passagierabteil. Fahrer und Beifahrer thronen auf üppigen Sesseln und genießen eines der Massageprogramme auf heiz- und belüftbaren Sesseln.

Super Cruise kommt 2027

Hoher Fahrkomfort dank Luftfederung. Leistung gibt es jederzeit im Überfluss.

Die Bedienung des Infotainment-Systems und die Einstellung von Fahrzeugfunktionen erfolgt über den zentralen Touchscreen mit üppig dimensionierten Icons. Alternativ kann man mit dem Dreh-Drück-Steller auf der Mittelkonsole durch die Menüs surfen und Klicken. In Kürze kommt hier auch die Super-Cruise-Funktion dazu. Ähnlich dem Autobahn-Assistenten von BMW kann man ab 2027 auch bei Cadillac auf der Autobahn dauerhaft die Hände vom Lenkrad nehmen. Zur Einleitung eines automatisierten Spurwechsels muss der Fahrer den Blinker betätigen. Super Cruise wird nicht nur eine Option für Neuwagen, die Assistenz nach Level 2 kann auch in bereits ausgelieferten Autos installiert werden.

Wir haben heute die Hände am beheizten Lederlenkrad und genießen den Komfort des Luftfahrwerk. Entspannt wogt der Vistiq durchs Land. In Kurven ist das üppige Leergewicht von fast drei Tonnen nicht wegzudiskutieren. Umso mehr überrascht die Längsdynamik. Mit der V-Taste (Velocity, Geschwindigkeit) werden alle 880 Newtonmeter des 475 kW (646 PS) starken Zweimotoren-Antriebs entfesselt. Bei freier Autobahn düst der Vistiq ansatzlos bis zur Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h. Die Werksangabe von 4,1 Sekunden für die Beschleunigung von null auf 100 km/h darf man gerne glauben.

Wer das täglich mehrmals macht, hat idealerweise ein eigenes Windrad mit Stromspeicher im Garten. Denn auch bei zwar zügiger, aber nicht maximal rasanter Autobahnfahrt entlädt der Vistiq die Elektronen im 91 kWh großen NMC-Akku (Nickel-Mangan-Kobalt) in Windeseile. 35 kWh / 100 km und mehr stehen schnell auf der Anzeige des Bordcomputers. Im Testalltag mit Stadt- und Überlandstrecken haben wir einen Durchschnittsverbrauch von 27 kWh/100 km ermittelt. Die reale Reichweite zwischen zwei Ladetopps liegt also bei rund 330 Kilometern. Dann lädt man am besten zuhause, wo der solvente Cadillac-Kunde gewiss eine Wallbox mit 22 kW Leistung genehmigt bekommt und installiert hat. Denn hier kann der Vistiq mit ebendieser Leistung Strom ziehen, in rund fünf Stunden ist der Akku voll. Die CCS-Ladeleistung passt nicht zu Anspruch und Preis des Autos. 130 kW sind maximal möglich, diesen Peak erreicht der Caddie dabei nur kurz, bevor die Ladekurve in Richtung 100 kW abfällt.

Was kostet der Vistiq?

Die Leistung am Schnelllader ist mit 130 kW im Peak nicht wettbewerbsfähig.

Vier Ausstattungslinien bietet Cadillac für den Vistiq an. Die Preise starten bei 99.640 Euro. Unser Testwagen fährt als sechssitziger Platinum vor, bei ihm gehören das aktive Luftfahrwerk mit Dämpferregelung, die Allradlenkung, ein Head-up-Display und AR-Inhalten (Augmented Reality) und schwarze Design-Details zur Serienausstattung. Der Listenpreis liegt bei 113.665 Euro, dazu kommen 2.200 Euro für die satinierten statt schwarzen (oder silbernen) 22-Zoll-Leichtmetallfelgen.

Die Neuwagengarantie läuft über vier Jahre bis zu einer Laufleistung von 100.000 Kilometern, auf den Akku gewähren die Amerikaner eine Garantie über acht Jahre bis 160.000 Kilometer.

Für den eignet sich der Cadillac Vistiq?

Wer ein großes Auto für Repräsentationszwecke haben will oder muss, ohne dabei Bescheidenheit auszustrahlen, der dürfte zur Zielgruppe des Cadillac Vistiq gehören. Auch wenn die Listenpreise auf dem Niveau eines viel profaneren Mercedes-Benz EQS SUV liegen und deutlich unter denen des elektrischen Range Rover, dürfte die Verbreitung des Vistiq dennoch gering bleiben. Günstige Leasingangebote sind nicht sichtbar, weshalb er nur für Firmenkunden, die ihr Auto kaufen und abschreiben, in Frage kommt. Oder als Daily Driver für erfolgreiche Krypto-Trader, bei denen die Hypercars meist in der großen Garage bleiben.

Fazit

Eine echte Größe: Das grasende Shetlandpony ist nur mit der 360-Grad-Kamera sichtbar.

Groß, stark und lässig: Der Cadillac Vistiq bringt die Attribute, die man mit der US-amerikanischen Marke seit jeher verbindet, gekonnt in das Segment der Luxusklasse-SUV mit Elektroantrieb. Komfort und Verarbeitung liegen auf hohem Niveau, wie auch das Leergewicht und damit der Stromverbrauch. Wer sich diese Extravaganz leisten kann (und will) bekommt ein Auto für den besonderen Auftritt ohne Sozialneid.

Technische Daten
Cadillac Vistiq Platinum

Antriebsart
Elektro
Antrieb
Allradantrieb
Getriebe
Eingang-Reduktionsgetriebe
Systemleistung: kW / PS
475 kW (646 PS) | 880 Nm
Batterie
91 kWh (netto)
Batterie: Typ
NMC (Nickel-Mangan-Kobalt)
Maximale Ladeleistung Gleichstrom (DC)
130 kW
Ladeleistung Gleichstrom (DC) im Test
131 kW / durchschnitt 10-80% 97 kW
Maximale Ladeleistung Wechselstrom (AC)
22 kW (dreiphasig)
Ladeleistung Wechselstrom (AC) im Test
11 kW (dreiphasig) an 11-kW-Wallbox
Beschleunigung 0-100 km/h
4,1 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit
210 km/h
Norm-Verbrauch kWh / 100 km
22 kWh / 100 km
Reichweite nach Norm
460 Kilometer
Realer Verbrauch im Testzeitraum kWh/100 km
27 kwh
Reichweite im Alltag
ca. 330 Kilometer
Kofferraumvolumen
297 (6-Sitzer / 889 Liter (4-Sitzer)
Reifenmarke und –format des Testwagens
295/40 R22
Leergewicht
2.958 kg
Anhängelast (gebremst)
2.000 kg
Länge / Breite / Höhe
5.216 / 2.026 / 1.787 mm
Basispreis Baureihe
99.640 Euro
Basispreis Modellvariante
113.665 Euro
Testwagenpreis
115.865 Euro
Text: Bernd Conrad
Bilder: Matthias Gill, Bernd Conrad