Der Chery Tiggo 9 im ersten Fahrbericht, vor dem Deutschland-Start im Jahr 2027
Konkurrenz belebt das Geschäft, auch im eigenen Haus. Dieser Weisheit folgt Chery mit „China-Speed“ beim Markteintritt in Deutschland. Die Konzernmarken Jaecoo und Omoda haben ihre Aufwärmrunde beendet, das Händlernetz zwischen Flensburg und Füssen ist im Aufbau. Da bereitet schon die Kernmarke mit vier SUV-Modellen der Tiggo-Serie ihren Marktstart vor.
2027 in Deutschland
Europa ist kein Neuland für den chinesischen Autohersteller, der erst im Jahr 1997 mit der Fahrzeugproduktion begann. 20 Jahre später, im Jahr 2007, zählte das Unternehmen kumuliert eine Million Kunden. 2025 waren es bereits 2025 in 130 Ländern weltweit. Im letzten Jahr liefen, Unternehmensangaben zufolge, 2,8 Millionen Autos von den Bändern, von denen 1,34 Millionen exportiert wurden. Viele davon gingen nach Großbritannien, auch in Polen ist Chery mit einem Marktanteil von 1,7 Prozent bereits etabliert. In Spanien werden Autos lokal gebaut und unter der Marke Ebro verkauft, außerdem gibt es eine Kooperation mit dem italienischen Unternehmen DR Automobiles. Als Abschluss der Europa-Expansion sieht der Konzern den Eintritt in den deutschen Markt, der von einer Firmenzentrale in Frankfurt am Main orchestriert wird. Bis Ende 2026 sollen 30 Chery-Händler unter Vertrag sein, Ende 2027 dann 100 Partner.
Das Flaggschiff der Marke ist der Chery Tiggo 9. Er teilt sich die Plattform und weite Teile der Technik mit dem Omoda 9. Nicht nur das Design und das Packaging, sondern auch der Blick auf die technischen Daten lässt aber die Positionierung der beiden Marken klar erkennen. Der Omoda 9 Plug-in Hybrid spricht mit mehr Leistung und umfangreicherer Technik-Ausstattung wie einem adaptiven Fahrwerk Kunden an, die dafür auf das letzte Quäntchen Raumausnutzung verzichten. Der Tiggo 9 ist ein familienorientierter Siebensitzer, ebenfalls als Plug-in Hybrid.
7 Sitze serienmäßig
Das Design wirkt stimmig. An der Front dominiert ein großer Grill, flankiert von aufrechten Tagfahrlicht-Streifen und darüber angeordneten, flachen Scheinwerfern. Trotz 20-Zoll-Felgen wirken die Räder nicht zu groß, was am Format des SUV liegt. Der Chery Tiggo 9 ist 4,81 Meter lang, 1,93 Meter breit und 1,74 Meter hoch. Ein Schwung in der Gürtellinie und eine breite Chromleiste betonen optisch das Volumen im Heck.
Hier können bei Bedarf zwei Personen sitzen. Wie in anderen Siebensitzer-SUV sind die Plätze in der zweiten Reihe aber eher für Kinder auf Kurz- und Mittelstrecken zu empfehlen. Gepäck muss bei voller Besetzung aber vorausgeschickt oder in eine Dachbox gepackt werden (Informationen zur Dachlast liegen noch nicht vor). 143 Liter Kofferraum bleiben übrig. Er wächst auf üppige 819 Liter, wenn man die beiden Einzelplätze elektrisch im Boden versenkt. Die umfangreiche Ausstattung mit Zugangsmöglichkeit in die dritte Reihe bringt auch mehr Reisekomfort für die Passagiere im Fond mit. Lehne und Längsposition der Bank sind elektrisch einstellbar. Das Platzangebot ist mehr als üppig, was auch für Fahrer- und Beifahrerplatz gilt. Die Materialien und ihre Verarbeitung wirken hochwertig, hier ist kein Respektabstand zum höher positionierten Omoda 9 festzustellen.
Der Unterschied, liegt wie oben angesprochen, vor allem in der Technik. Das Head-up-Display im Chery Tiggo 9 kommt ohne AR-Inhalte (Augmented Reality) aus, was seine Funktionalität aber nicht einschränkt. Anstelle einer gemeinsamen Abdeckung sind die Displays für die Instrumente hinter dem großen Lenkrad und für das Infotainmentsystem als separate Tablets ins Cockpit gestellt worden. Smartphone-Inhalte über Apple CarPlay oder Android Auto lassen sich ohne Kabelverbindung anzeigen, in der Mittelkonsole kann das Telefon induktive geladen werden.
Der Fahreindruck
Wie der Omoda 9 trägt auch der Chery Tiggo 9 einen aufwendigen Plug-in Hybrid-Antrieb mit elektrifizierter Hinterachse unter dem Blechkleid. Der 1,5 Liter große Vierzylinder-Benziner hat eine Leistung von 105 kW / 143 PS. Dazu kommen drei Elektromotoren: Zwei (mit 75 kW und 90 kW) stecken an der Vorderachse, der stärkere mit 175 kW hinten. Die Systemleistung liegt bei 315 kW / 428 PS, das Drehmoment bei 580 Newtonmetern. Wir schielen zum Vergleich ins Datenblatt des Omoda 9: Er markiert mit 395 kW / 537 PS Systemleistung und 650 Newtonmetern den Gewinner im China-Auto-Quartett (das sollten wir mal als Kartenspiel auflegen, oder)?
Der 228 Kilogramm schwere NMC-Akku (Nickel-Mangan-Cobalt) hat eine Speicherkapazität von 34,5 kWh – netto nutzbar sind davon 32,4 kWh. Im kombinierten WLTP-Zyklus soll der Chery Tiggo 9 damit eine rein elektrische Reichweite von 144 Kilometern schaffen, zusammen mit den 70 Litern Sprit im Tank werden als Gesamtreichweite 1.050 Kilometer angegeben. Beides können wir im Rahmen der ersten Testfahrten noch nicht ausprobieren. Auf Landstraßen und im Stadtverkehr gefällt der spontane Antritt im EV-Modus, den der Tiggo 9 meist mit Heckantrieb, also mit der an der Hinterachse montierten Maschine, erledigt. Bei starkem Leistungsabruf oder im Hybrid-Modus wird bei Bedarf der Benziner hinzugeschaltet. Die Software steuert dabei die Arbeitsweise. Im seriellen Hybridmodus treibt der aufgeladene Vierzylinder die Räder nicht direkt an, sondern liefert als Kraftwerk an Bord Energie für den Akku, im parallelen Modus gibt es einen direkten Kraftfluss zu den Rädern – gemeinsam mit dem Elektroantrieb.
Wenn Du als Fahrer oder Passagier nicht gerade den Livestream in Form der Energieflussanzeige verfolgt, bekommt Du vom Zusammenspiel der Antriebskomponenten kaum etwas mit. Die Geräuschdämmung ist gut, ebenso die Manieren des Benziners, der explizit als Bestandteil des Hybridsystems entwickelt wurde und im Miller-Brennverfahren einen bestmöglichen Wirkungsgrad von 44,5 Prozent bietet.
Die Abstimmung des Stahlfahrwerks ohne adaptive Dämpfer betont den Komfort. Bodenwellen überfährt der große Chinese sanft wogend, ohne nachzuschwingen. Auch Querfugen dringen nur stark abgemildert zu den Passagieren vor. Die Lenkung lässt sich um die Mittellage etwas bitten, ohne schwammig zu sein. Das passt zum Charakter der Fahrwerksabstimmung und differenziert den Tiggo 9 klar im vom Omoda 9, der sich (im Rahmen der Möglichkeiten) insgesamt etwas agiler und direkter anfühlt.
Am Ende unserer Probefahrten ist der Akku noch nicht leer, das erspart lange Wartezeiten beim Nachfüllen mit Wechselstrom. Der Tiggo 9 lädt über den Typ-2-Anschluss nur einphasig mit 6,6 kW, was im deutschen Stromnetz eine Begrenzung auf 4,6 kW (Schieflastverordnung) bedeutet. An einer 11-kW-Wallbox liegen 3,7 kW an, also lädt man den großen Akku am besten über Nacht. Unterwegs, beispielsweise während eines Einkaufs, kann man den Plug-in Hybriden dank CCS-Stecker auch am Schnelllader parken. 70 kW Ladeleistung gibt Chery an, der Hub von zehn auf 80 Prozent soll in 30 Minuten erledigt sein. Diese Daten entsprechen denen des Omoda 9, zu dem wir Tiggo 9 werden wir das 2027 nachholen.
Was kostet der Chery Tiggo 9?
Dann sollen alle vier Tiggo-Baureihen von Chery, beginnend beim Dacia-Duster-Konkurrenten Tiggo 4 Hybrid bei den ersten Händlern stehen. Das Flaggschiff in Form des Tiggo 9 soll, mit umfangreicher Serienausstattung und ohne Aufpreis-Liste, rund 49.000 Euro kosten. In Österreich werden, inklusive der CO2-Zusatzsteuer NoVa (Normverbrauchsabgabe), 47.990 Euro aufgerufen, in Polen kostet der Tiggo 9 umgerechnet rund 48.600 Euro.
Der Omoda 9 PHEV ist in Deutschland schon verfügbar, er kostet 52.900 Euro. In der Klasse der großen Hybrid-SUV dürften vor allem Finanzierungs- und Leasingraten den Ausschlag geben, um aus Kundeninteresse einen Vertragsabschluss zu machen. Zum Start 2027 will Chery entsprechende Angebote mit Finanzpartnern präsentieren. Die Neuwagengarantie läuft über sieben Jahre.
Fazit
Touareg-Format als Allrad-PHEV mit umfangreicher Ausstattung zum einem Preis, der deutlich unter dem eines Basis-Tayron als Plug-in Hybrid liegt: Der Chery Tiggo 9 aus China will ab 2027 auch in Deutschland private Kunden und Firmenwagenfahrer ansprechen, die ihrem Taschenrechner mehr Bedeutung zuteilwerden lassen als einer Marken-Präferenz. Um hier zu punkten, sollten die Strategen günstige Leasing- und Finanzierungsangebote stricken.
Bei unseren ersten Testfahrten präsentiert sich der Tiggo 9 mit guter Verarbeitung und wohnlichem Innenraum. Dazu passt die komfortbetonte Abstimmung von Fahrwerk und Lenkung. Damit und mit der Möglichkeit, sieben Personen im SUV unterzubringen, unterscheidet sich der Chery Tiggo 9 vom sehr ähnlichen Konzern-Bruder Omoda 9.
Chery Tiggo 4 und 7 im Video