Blick über den Tellerrand: Der Renault Boreal im Fahrbericht.
Renault ist nicht nur in Europa aktiv, sondern auch global breit aufgestellt. In den verschiedenen Regionen der Welt fährt der Konzern dabei unterschiedliche Strategien. Während man in Europa bei Kooperationen mit anderen Herstellern als Plattformspender und Produktionspartner aushilft (aktuelle Mitsubishi-Modelle, bald Elektroautos für Ford), ist man anderswo eng mit Geely aus China verbandelt. In Shanghai wurde der aktuelle Renault Twingo gemeinsam entwickelt, in Südkorea wird der Polestar 4 produziert, nachdem sich Geely an der dortigen Renault-Organisation beteiligt hat. In Brasilien sind die Chinesen mit einem Anteil von 26,4 Prozent eingestiegen. Im jetzt unter dem Namen Renault Geely do Brasil agierenden Unternehmen wird im bestehenden Werk Curitiba neben Renault-Modellen auch der Plug-in Hybrid Geely EX5 gebaut, bald folgt der Kleinwagen EX2. Dabei wird nicht nur das internationale Netzwerk - auch mit Partnern wie Geely - genutzt, sondern auch ein großer Technikbaukasten. Das Werk trägt den Namen der Formel-1-Legende Ayrton Senna.
SUV für 90 Märkte weltweit
Seit Ende 2025 läuft hier auch der Renault Boreal vom Band. Er ist Teil einer Konzernstrategie, in deren Rahmen die Franzosen das Ziel verfolgen, bis zum Jahr 2030 mehr als die Hälfte ihres Absatzes in Ländern außerhalb Europas zu erzielen. Der Boreal soll in bis zu 90 Märkten weltweit verkauft werden, dafür wird er zusätzlich auch im türkischen Weg Bursa produziert.
Die technische Grundlage ist Europäern gut bekannt. Der Boreal ist, salopp gesagt, ein aufgerüschter Dacia Bigster. Das ist schon an den Proportionen Elementen wie den hinteren Türgriffen in den C-Säulen zu erkennen, der Radstand ist mit 2,70 Metern identisch. An der Front mit tiefliegenden Hauptscheinwerfern und am Heck mit schmalen Leuchten unter Klarglas-Abdeckungen zeigt das SUV seine Familienzugehörigkeit im weltweiten Renault-Programm. Die silbernen Dekore an den D-Säulen trägt so ähnlich auch der bei uns bekannte Renault Symbioz.
522 Liter fasst der Kofferraum des Boreal nach VDA-Messmethode. Mit dem auch vertikal arretierbaren Einzelteil des doppelten Ladebodens kann man das Abteil im Heck unterteilen, die Lehne der Rücksitzlehne lässt sich geteilt federvorgespannt nach vorne klappen. Bei der Praktikabilität zeigt der Boreal also eine große Alltags-Kompetenz. Das gilt auch für das Platzangebot im Fond, das dem des Bigster entspricht. Leider gilt die Ähnlichkeit auch für die zu flache Sitzfläche des Fahrersitzes. Große Menschen haben hier eine zu geringe Auflagefläche für die Vordersitze.
Mit Kunstleder-Dekoren, Kontrastnähten und Ambientebeleuchtung haben die Interior-Designer des Boreal adrett eingerichtet. Im Gegensatz zum Dacia wurden auch die Kunststoffe, beispielsweise auf der Oberseite des Armaturenbretts, unterschäumt. Auch in Brasilien erwarten die Kunden im Auto modernste Konnektivität. Diesen Anforderungen will der Boreal mit der Integration von Google-Diensten mit Maps für die Navigation, den Play Store und der KI-Sprachsteuerung Gemini gerecht werden. Während das Smartphone induktiv geladen wird, können Inhalte via Apple CarPlay und Android Auto auf dem Infotainment-Display dargestellt werden.
Der Fahreindruck
Unter der Haube steckt ein guter alter Bekannter. Einige Dacia-Kunden haben beim letzten Modellwechsel des Duster das Auslaufen des bewährten 1,3-Liter-Turbobenziners beklagt. Im Boreal leistet der Vierzylinder in einer Auslegung für den Flex-Fuel-Betrieb 120 kW / 163 PS. Das Aggregat verträgt nicht nur das in Brasilien mit 27 Prozent Ethanol vermische Standard-Benzin, sondern auch bis zu 100 Prozent Ethanol. Dieser Treibstoff wird durch die Vergärung von Zucker, beispielsweise aus Landwirtschaftsprodukten, gewonnen. In vielen Regionen Brasiliens kostet Ethanol mit umgerechnet rund 70 Cent pro Liter deutlich weniger als Benzin (etwas über 1,00 Euro pro Liter).
Leider ist zum Start der Testfahrten nicht in Erfahrung zu bringen, mit welchem Benzin-Ethanol-Mischverhältnis der Tank des Boreal gefüllt wurde. Gehen wir einfach optimistisch mal davon aus, dass mehr Alkohol im Tank war als Sprit. Das erklärt den etwas rauen Lauf des Motors. In Testwagen der früheren Dacia-Duster-Generation und in älteren Renault-Modellen blieb uns das Aggregat mit besseren Manieren in Erinnerung. Dennoch dürften viele Kunden, die jetzt zum EU-Grenzwerte-gerechteren 1,2-Liter-Dreizylinder greifen müssen, dem Vierender nachtrauern. Auch auf unserer nur kurzen Ausfahrt in Brasilien über Landstraßen gefällt das Ansprechverhalten bei Bewegungen des Fußes auf dem Gaspedal. Bei frühen 1.750 U/min liegt das maximale Drehmoment von 270 Newtonmetern an. Serienmäßig werden die Übersetzungen von einem Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe sortiert, das bekanntermaßen eher entspannt als zackig die Zahnradpaarungen ändert. Über einen Drehschalter in der Mittelkonsole lassen sich verschiedene Fahrprogramme auswählen. Eine Allrad-Variante des Boreal ist aktuell nicht im Angebot, echte Offroad-Modi fehlen bei der Auswahl.
Das kostet der Boreal
Auch auf dem brasilianischen Markt nutzt Renault die bei uns geläufigen Bezeichnungen für unterschiedliche Ausstattungslinien. Den Boreal gibt es in den Niveaus Evolution, Techno und Iconic zu Preisen ab 182.990 Real, umgerechnet knapp unter 31.000 Euro. Das zeigt die Positionierung der Modellreihe im Markt, vor allem in Betracht der geringen Kaufkraft in Brasilien. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei rund 570 Euro, in Deutschland sind es statistisch 4.784 Euro. Zur Einordnung: Der Dacia Duster Expression startet bei uns als Mildhybrid mit 140 PS bei 25.690 Euro, der ähnlich große Renault Symbioz mit ebenfalls 140 PS und Doppelkupplungsgetriebe bei 30.500 Euro.
Fazit
Der Blick über den Tellerrand zeigt, wie Renault aus bestehenden Baukästen Autos für die Bedürfnisse in unterschiedlichen Regionen der Welt schneidert. Der Boreal ist mit unterschäumten Kunststoffen, Kontrastnähten und Ambientebeleuchtung eine schickere Spielart des Dacia Duster. Bei uns wird es den Boreal nicht geben, er würde sich in Europa auch mit dem Renault Symbioz kannibalisieren. Trotzdem vielen Dank fürs Lesen und „Mitfahren“!
Technische Daten
Renault Boreal
- Antriebsart
- Flex-Fuel-Benziner (bis 100% Ethanol)
- Antrieb
- Frontantrieb
- Hubraum
- 1.333 ccm
- Anzahl und Bauform Zylinder
- 4 in Reihe
- Maximale Leistung kW / PS
- 120 kW / 163 PS bei 5.250 U/min
- Max. Drehmoment
- 270 Nm bei 1.750 bis 2.000 U/min
- Getriebe
- Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe
- Beschleunigung 0-100 km/h
- 9,5 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit
- 180 km/h
- Norm-Verbrauch auf 100km
- 7,4 Liter Benziner / 10,6 Liter Ethanol
- Kofferraumvolumen
- 522 Liter
- Leergewicht
- ca. 1,5 Tonnen
- Länge / Breite / Höhe
- 4.556 / 1.841 / 1.659 mm
- Basispreis Baureihe
- 182.990 Real / ca. 30.900 Euro