MGS6 EV

MGS6 EV Außen groß, innen riesig

8:11 Min.

Was kann der MGS6 EV und was nicht? Das klären wir im ersten Fahrbericht.

Die Marke MG, Teil des chinesischen SAIC-Konzerns, will sich als Vollsortimenter im Markt etablieren, der für fast alle Kundenwünsche das passende Angebot bereithält. Das Modellprogramm umfasst aktuell Verbrenner, Hybride und Elektroautos vom Kleinwagen MG3 bis hin zum E-Roadster Cbyerster. Auch SUV fehlen natürlich nicht. HS und ZS gibt es mit Benzinmotor sowie als Hybrid mit und ohne Stecker, dazu den elektrischen MGS5 EV als Konkurrent für Skoda Elroq und Co.

Bis 520 km Reichweite

Jetzt erweitert MG sein SUV-Portfolio nach oben. Noch vor dem Start des großen Plug-in Hybriden MGS9 PHEV rollt jetzt der MGS6 EV in der heiß umkämpften Mittelklasse an den Start. Mit ihm wollen die Vertriebsstrategen etablierten Mitbewerbern wie dem Skoda Enyaq und auch dem Tesla Model Y Kunden abspenstig machen. Es hilft dem Markterfolg, wenn das Auto der breiten Masse gefällt, beim Design also im wahrsten Sinne nicht aneckt. Ein erster Optik-Check zeigt, dass der MGS6 EV diese Mission erfüllt.

Die 4,71 Meter lange, 1,91 Meter breite und 1,66 Meter hohe Karosserie wirkt unaufdringlich und zurückhaltend, ein Gegenentwurf zum gewollten SUV-Abenteuer-Look mancher Konkurrenten. An der Front zeigt sich das markentypisch flache Gesicht mit schmalen Einheiten für Tagfahrlicht und Blinker, die Hauptscheinwerfer (leider nur mit starrem Fernlichtassistenten ohne adaptive Funktionen) stecken weiter unten im Stoßfänger.

Hinter dem Lufteinlass arbeitet ein aktives Lamellensystem, das sich nur bei Kühlluftbedarf für Akku und Antrieb öffnet. Zusammen mit dem fast vollständig verkleideten Unterboden und den Aeroblenden auf den 20-Zoll-Leichtmetallfelgen soll diese Aerodynamik-Maßnahme die Reichweite um bis zu 50 Kilometer erhöhen, Feinschliff an der Form des hinteren Leuchtenbandes bringt, Angaben des Herstellers zufolge, weitere 1,2 Kilometer. Sehr schön: Trotz dem Ringen um maximale Effizienz schraubt MG dem 6er-SUV solide Bügelgriffe an die Türen, verzichtet auf ergonomisch weniger optionale (und weniger sichere) Ausklapp-Griffe.

Der Fahreindruck

Die komfortable Fahrwerksabstimmung passt gut zum geräumigen Familien-SUV.

Den MGS6 EV gibt es mit einem 77 kWh großen NMC-Akku (Nickel-Mangan-Kobalt), der 74,3 kWh netto nutzbar bereithält. Im Basismodell treibt ein 180 kW (245 PS) starker Motor die Hinterräder an, die Reichweite wird mit 520 Kilometern angegeben. Unser Testwagen fährt mit Allradantrieb vor. Ein zweiter Motor vorne lässt die Systemleistung auf 266 kW (361 PS) steigen, das Drehmoment auf 540 Newtonmeter. In 5,1 Sekunden soll das knapp über zwei Tonnen schwere Auto aus dem Stand auf 100 km/h beschleunigen, bei 200 km/h ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht.

Bei den ersten Testfahrten in Portugal regnet und stürmt es. Wir scheuchen den MGS6 EV über teils rumpelige, kurvige Landstraßen. Das Zusammenspiel der beiden Elektromotoren sorgt dabei für ein sicheres, stets kontrollierbares Fahrverhalten mit hoher Spurtreue. Auch die um die Mittellage recht diffuse Lenkung stört dabei nicht. Das Fahrwerk schluckt die meisten Unebenheiten weg, trotzdem bleibt der Aufbau ruhig. Nur größere Kanten im Asphalt oder Wurzelaufbrüche sind wahrnehmbar.

Auf der (tempolimitierten) Autobahn freut man sich über die, per Wippe im Multifunktionslenkrad, intuitiv einstellbare Assistenz (MG Pilot). Das System regelt Tempo und Abstand unaufgeregt, verkneift sich harsche Bremsmanöver. Zusätzlich zum ausreichend großen, aber arg kontrastarmen digitalen Kombiinstrument hinter dem Lenkrad ist ein Head-up-Display serienmäßig mit an Bord. Fahrrelevante Informationen werden direkt auf die Windschutzscheibe und damit ins Blickfeld des Fahrers projiziert.

Am Ende des Testtages meldet der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 20,2 kWh / 100km. Ein guter Wert, der die WLTP-Normangabe von 18,1 kWh / 100km nur knapp übersteigt. Zum Nachladen bleibt zu wenig Zeit, hierbei wäre auch Geduld gefragt. Auf Basis der MSP-Architektur (Modular Scalable Platform) mit 400V-Bordnetz bietet der MGS6 EV am Kabel keine Top-Werte. Wechselstrom zieht er über drei Phasen mit 11 kW, über CSS ist am Schnelllader bei maximal 144 kW Leistung der Gipfel erreicht. Für den Hub von zehn auf 80 Prozent sollen 38 Minuten vergehen.

Enorm viel Platz

Vor allem im Fond begeistert das üppige Raumangebot des größten Elektro-MG.

Wer währenddessen im Auto wartet, dürfte sich darüber nicht wirklich aufregen. Das Platzangebot im neuen SUV aus China ist mehr als nur generös. Im Fond freut man sich über viel Platz für die Beine, auch bei weit zurückgefahrenem Fahrersitz bleibt noch viel Luft zwischen Lehne und Knie. Dank des nur elf Zentimeter hohen Batteriepakets im Fahrzeugboden muss man die Beine in der zweiten Reihe nicht zu stark anwinkeln. Trotzdem passt auch die Kopffreiheit unter dem serienmäßigen Panorama-Glasdach (leider ohne Schiebedach-Funktion). Für die Außenplätze gibt es eine (nur einstufige) Sitzheizung. Gut erreichbar sind die Isofix-Bügel zur Arretierung von Kindersitzen. Bei so viel Verständnis für die Rolle eines Familienautos wundert es, dass MG für die Abtrennung des üppigen Kofferrums mit 674 Litern Volumen keine Netztrennwand anbietet. Zusätzlich zum Abteil im Heck gibt es ein 124 Liter großes Staufach unter der vorderen Haube, das mehr als nur ein Ladekabel fasst.

Fahrer und Beifahrer genießen ebenfalls lichte Weiten. Beide Vordersitze kommen mit Heizung und Lüftung sowie elektrischer Einstellmöglichkeit, dabei wurde aber die Möglichkeit der Höhenjustierung für den Beifahrerplatz vergessen. Die graue Innenausstattung aus Kunstleder und Mikrofasermaterial wirkt hochwertig, was auch für die Verarbeitung sowie die Dekore in den Türverkleidungen, in der Mittelkonsole und am Cockpit gilt. Optional kann man ein hellbeiges Farbschema für das Interieur bestellen.

Die Inhalte des Infotainmentsystems werden auf einem 12,8 Zoll großen Display mit Touchscreen-Funktion dargestellt. Hier passen die Kontraste besser als beim Monitor hinter dem Lenkrad. Musik-Streaming-Apps von YouTube, Amazon und Spotify sind integriert, die Einbindung des eigenen Smartphones über Apple CarPlay oder Android Auto gelingt ohne Kabelverbindung. Sinnvoll ist die Kombination mit induktiver Lade-Ablage zwischen den Vordersitzen.

Das kostet der MGS6 EV

Die Ausstattung ist umfangreich, bis hin zum guten Head-up-Display.

Der MGS6 EV kommt nur in einer Ausstattungsvariante mit dem Namen Luxury. Die Serienausstattung umfasst, neben den o.g. Elementen, auch ein Navigationssystem, Ambiente-Beleuchtung, eine 360-Grad-Rundumsicht, elektrische Heckklappe und eine Wärmepumpe. Neben dem hellen Interieur kann man lediglich eine Metalliclackierung für 690 Euro Aufpreis ordern (Am Testwagen: „Stratford Golden“), der Farbton „Picadilly Blue“ ist gratis.
Ein großes Auto mit viel Platz und umfangreicher Ausstattung also, dazu mit einer Neuwagengarantie für den Zeitraum von sieben Jahren bis zu einer Laufleistung von 150.000 Kilometern. Trotz seiner Vorzüge ist der MGS6 EV aber nicht günstig: 49.990 Euro kostet die Version mit Heckantrieb, das Allrad-Modell steht mit 53.990 Euro im Konfigurator. Diese Kalkulation lässt vermuten, dass Spielraum für die Händler bei der Berechnung von Hauspreisen und Leasingraten mit eingeplant ist. Wir können an dieser Stelle stets nur Listenpreis nennen und vergleichen.

Dafür blicken wir zur Konkurrenz: Der Skoda Enyaq 85 mit 210 kW (286 PS) kostet, annähernd ausstattungsgleich 54.610 Euro. Aufgrund der Paket-Politik der Tschechen bringt er dann aber u.a. auch adaptive Matrix-LED-Scheinwerfer mit. Ebenfalls aus China kommt der BYD Sealion 7. Mit 83 kWh großem Akku und 230 kW (313 PS) Leistung ist er, wie der MG6 EV, ab 49.990 Euro zu haben – in der Basis jedoch ohne Head-up-Display.

Fazit

Das Design des MGS6 EV ist zurückhaltend. Die Farbe des Testwagens heißt Stratford Golden.

Der MGS6 EV tritt zurückhaltend auf und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf seine inneren Werte. Mit ihnen punktet der Chinese: Das Platzangebot ist großzügig, nicht nur im Fond. Dazu kommen ein großer Kofferraum und ein vorderes Staufach, das mehr als eine Alibi-Lücke unter der Haube ist. Fahrverhalten, Verbrauch und Antrieb können im Rahmen der ersten Testfahrten ebenso überzeugen.

Beim Laden des NMC-Akkus bietet der MGS6 EV aber nur Durchschnitt, 144 kW über CCS sollen bei einem neuen Auto dieser Klasse im Jahr 2026 nicht mehr sein. Wie sich die Ladekurve abzeichnet und wie lange man unterwegs wirklich am Kabel hängt, kann nur ein späterer Alltagstest zeigen. Trotz guter Ausstattung ist das Familien-SUV nicht wirklich günstig. Die Preise starten bei 49.990 Euro, die gefahrene Allrad-Version kostert 53.990 Euro.

Technische Daten
MGS6 EV Luxury AWD

Antriebsart
Elektro
Antrieb
Allradantrieb
Getriebe
Eingang-Reduktionsgetriebe
Systemleistung: kW / PS
266 kW (361 PS), 540 Nm
Batterie
77,0 kWh brutto / 74,3 kWh netto
Batterie: Typ
NMC (Nickel-Mangan-Cobalt)
Maximale Ladeleistung Gleichstrom (DC)
144 kW
Maximale Ladeleistung Wechselstrom (AC)
11 kW (dreiphasig)
Beschleunigung 0-100 km/h
5,1 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit
200 km/h
Norm-Verbrauch kWh / 100 km
18,1 kWh
Reichweite nach Norm
485 Kilometer
Realer Verbrauch im Testzeitraum kWh/100 km
20,2 kWh (lt. Bordcomputer)
Kofferraumvolumen
674 - 1.910 Liter + Frunk 124 Liter
Leergewicht
2.005 kg
Anhängelast (gebremst)
1.800 kg
Stützlast
60 kg
Länge / Breite / Höhe
4.708 / 1.912 / 1.664 mm
Basispreis Baureihe
49.990 Euro
Basispreis Modellvariante
53.990 Euro
Testwagenpreis
54.680 Euro
Text: Bernd Conrad
Bilder: Matthias Gill, Bernd Conrad