BMW 320d GT 40.000 km Dauertest

40.000 km Dauertest

BMW 320d GT

Einmal, während des „Schausonntags“ in einer großen BMW Niederlassung: Wie man selber schleicht ein Mittdreißiger um den 5er Touring herum, man kommt ins Gespräch. Er fährt seit Jahren Volvo Kombi, hat zwei Kinder, einen Hund. Alle drei Jahre gibt’s einen neuen Firmenwagen, und jedes Mal überlegt er lange an einem 5er Touring herum. Warum es dann doch nichts wird? Zu eng!

Und in der Tat: Mit vier Personen besetzt (die zumindest vorne über 1,70m groß sind) wird es im „großen“ BMW Kombi schon reichlich kuschelig, zu massiv bauen Sitze, Türverkleidungen und Armaturenträger, zudem thront der Antriebsstrang mächtig unter dem breiten Mitteltunnel.

Diese lange Einleitung sei mir erlaubt, um auf den BMW mit dem internen Entwicklungskürzel F34 hinzuleiten: Den 3er Gran Turismo.

Nach dem zumindest in Europa semierfolgreichen 5er Gran Turismo hat BMW im Sommer 2013 auch den 3er in die Verlängerung geschickt. Und diesmal klappte das mit der eierlegenden Wollmilchsau: Das neue Modell überzeugt mit seinen praktischen Vorzügen, bleibt dabei aber der sportlichen Tradition von BMW und des 3er im Speziellen verpflichtet.

Während man mit den 2er Active und Gran Tourer Modellen ganz bewusst neue Kunden an die Marke BMW heranführen will, fungiert der 3er Gran Turismo als perfektes Familienauto für BMW Fans und Fahrer alter Schule. In Sachen Anschaffungspreis noch einigermaßen im Rahmen, bietet er genug Raum für eine vierköpfige Familie nebst Gepäck. Außerdem ist die Sitzposition einige Zentimeter höher als im „normalen“ 3er, ohne dass man sich wie ein Van fühlt. Fernab jeglichem Crossover-Viertürercoupé-Gebrabbel sagen wir es klipp und klar: Eine formal gelungene Schräghecklimousine.

Mit 2,92m hat der 3er Gran Turismo einen gegenüber Limousine und Touring um 11cm längeren Radstand, was voll dem Fond zu Gute kommt. Der 5er hat als Limousine und Touring zwar nochmal 5 cm mehr Abstand zwischen den Achsen, aber dennoch bietet der F34 mehr Innenraumlänge – die Raumökonomie ist einfach wesentlich besser als im großen Bruder.

Das Längenwachstum ließ sich ohne allzu großen Entwicklungsaufwand realisieren: der Gran Turismo baut auf der chinesischen Langversion der 3er Limousine auf. Eigentlich hätte dieses Modell die Modellbezeichnung 4er GT verdient, setzt es sich doch gefühlt weiter vom klassischen 3er nach oben ab als das 4er Gran Coupé.

„Hoher Reisekomfort in einzigartiger Lounge-Atmosphäre“ dichten die BMW Pressetexter. Und haben damit größtenteils recht. Die Aufpreis pflichtigen Sportsitze schmiegen sich sorgsam um sämtliche Staturen und bieten nahezu perfekten Sitzkomfort. Erstaunlich, wie BMW das immer hinbekommt, wohingegen die rutschigen Seriensitze in fast allen Baureihen wirklich das beste Argument für die Investition in das Optionsmobiliar sind. Als Bonbon lässt sich die Weite der Seitenwangen elektrisch verstellen.In jeder guten Lounge steht ein Bildschirm herum, so auch im 3er, in diesem Fall das 8,8-Zoll Display des Navigationssystems „Professional“. Die Bildschärfe liegt nach wie vor deutlich über den Bildschirmen der Konkurrenz. Gepaart ist das Ganze mit dem iDrive System, mittlerweile ja „State of the art“ in Sachen Bedienfreundlichkeit. Einen weiteren großen Schritt hat das System mit dem größeren und berührungsempfindlichen Controller gemacht, der jegliches Fingergekrakel zielsicher in Buchstaben und Zahlen umwandelt. So soll es sein, wie auch die Sprachsteuerung: Sie reagiert schnell auf Befehle und lässt auch die Eingabe ganzer Adressen zu.

Das Interieur in Stoff-/Lederkombination „Breeze“ ist pflegeleicht und nett anzusehen, sensitive Fingerkuppen stören sich vielleicht an der recht rauen Oberfläche.

Das Testobjekt ist mit der „Modern Line“ ausgestattet. Diese Version ist im Modelljahr 2016 (also ab jetzt) nicht mehr lieferbar, neben dem Basismodell bleiben „Sport Line“ und „Luxury Line“ im Programm. Die Bestandteile des „Modern Line“ Paketes (u.a. die erwähnten Sitzbezüge, Exterieur-Umfänge in Kontrastfarbe „Aluminium satiniert“) sind nun aber einzeln für den Basis-3er zu ordern.

40.000 km in den vergangenen 17 Monaten erlauben einen fundierten Meinungsbericht zum mit vollem Namen genannten BMW 320d xDrive Gran Turismo Modern Line.

184 PS lassen sich aus dem 2 Liter großen Dieselmotor quetschen, der in einigen Modellen bereits abgelöst wurde und auch beim 3er Facelift der 190 PS starken Neuentwicklung Platz machen wird.

Und das ist ganz gut so. Vor allem nach dem morgendlichen Kaltstart schüttelt sich das Aggregat erstmal expressiv die Nachtruhe aus den Rohren und Schläuchen. Wäre ein Seismograph an Bord, er würde sicherlich ausschlagen. Einmal in Fahrt gefällt der 320d zwar mit einer harmonischen Kraftentfaltung aber bleibt leider stets etwas (zu) vorlaut.

Was bedeutet das im Alltag? Auf jeden Fall Zwiespalt. Autobahnauffahrt, zügiges Einsortieren in die rechte und mittlere Spur bei wenig Verkehr. Subjektiv fehlt der Tritt des Turboladers, der Motor klagt den Dieseltakt des hohen Einspritzdrucks, aber dennoch stehen schnurstracks 140 km/h auf dem Tacho – der 320d geht also besser als er es dem Fahrer vermittelt, auch eine interessante Erfahrung.

Der Durchschnittsverbrauch über die genannte Distanz geht mit 6,7 Litern Treibstoff alle 100km mehr als in Ordnung, da das Auto bei ca. 50% Autobahnanteil auch gerne mal schneller über die linke Spur gescheucht wird. Apropos schnell: 225 km/h Spitze sind heutzutage Usus und liefern oftmals ein spannendes Kopf-an-Kopf Rennen mit all den Vierzylinder-Dieseln in A4, C-Klassen und Passats.

Was im Gegenzug aber auch bedeutet, dass der bayerische Raumfrachter für manche Bedürfnisse gerne noch schneller gehen könnte, um seinen optischen Auftritt mit dem bösen Tagfahrlicht-Blick gerecht zu werden. Im Oktober 2013, dem Auslieferungsmonat dieses F34, gab es leider keinen größeren Allrad-Diesel im 3er GT, mittlerweile aber schaffen 330d und 335d jeglichem Wunsch nach mehr Dampf Abhilfe – auch dem nach mehr Klangqualität, werkeln unter deren Hauben doch Sechszylindertriebwerke. Wohl dem, der sich diese Modelle leisten kann.

Womit wir wieder beim Thema Motorlauf sind – auch warmgefahren vibriert der Vierzylinder minimal bis ins Lenkrad oder gar die Armauflage der Fahrertür (die im Übrigen für große Fahrer mit dem Sitz weit hinten wenig ergonomisch ist, ständig rutscht man mit dem Ellenbogen ab). Es ist fast befremdlich, dass ein Aggregat mit solchen Manieren bei einer Firma mit dem Wort „Motorenwerke“ im Namen den Vorstandssegen bekommt.

Ruhiger ist es, wenn die serienmäßige Start/Stop-Automatik den Diesel an der Ampel abstellt, was zuverlässig funktioniert. Beim Wiederanlassen sollte man nur aufpassen, dass der Kaffeebecher im Cupholder nicht bis zum Rand gefüllt ist, wir hatten das schon mit dem Schütteln.

Ist der Fahrerlebnisschalter in der Mittelkonsole auf „Sport“ gestellt, bleibt der Motor im Stand an und die Automatik wandelt ihr Wesen. Schaltet sie sonst sehr sanft und manchmal merklich gemütlich durch ihre acht Zahnradpaarungen, reagiert sie im Sportmodus fix und knallt die Gänge ohne Gedenkmillisekunde rein.

Der Gegenpol dazu heißt „Eco Pro“ und kastriert den 320d auf gefühlte 100 PS, was beim Beschleunigen oder im Stadtverkehr deutlich spürbar ist, auf tempolimitierten Autobahnen aber eher positiv auffällt. Zum einen durch die Segelfunktion, mit der das Auto beim Gaswegnehmen kaum Schwung verliert, zum anderen durch die Einblendung der Zusatzkilometer, die „Eco Pro“ mit der Tankfüllung herausholt. Ein nettes Gimmick und ähnlich entspannend wie eine Runde autogenes Training.

Viel Licht aber auch unerwarteter Schatten also auf der Antriebsseite. Der 320d Gran Turismo überzeugt am besten in der namensgebenden Rolle als unaufgeregtes Reiseauto für lange Strecken.

Für erhöhten Herzschlag kann er aber auch sorgen. Und zwar mit seinem Drang nach Frischluft im Innenraum. Bevorzugt dann, wenn das Auto verschlossen (!) geparkt ist, egal ob in strömendem Regen oder im Flughafenparkhaus während einer mehrtätigen Dienstreise. Mal war es z.B. nur das Beifahrerfenster, das vollständig herunterfuhr (Strichwort: Regen, eine prima Sitzwäsche) oder öfter auch mal alle vier Fenster, die bei Rückkehr zum Auto ca. fünf bis zehn Zentimeter offen standen (Stichwort: Parkhaus).

Im Rahmen der Garantie wurde die Bedieneinheit für die Fensterheber und den Heckspoiler in der Fahrertür ausgetauscht, seitdem kam der Fehler nicht mehr vor.

Das war aber auch der einzige Aufreger in den bisher gemeinsam verbrachten Monaten. Ansonsten überzeugt der BMW trotz teilweise mäßig hochwertiger Kunststoffe mit einer tadellosen Verarbeitung ohne jegliche Knister- und Knarzgeräusche. Auch bei den vielmals so hoch gelobten Audis gibt es stets diverse Geräusche zu vernehmen (u.a. beim Überfahren von Querfugen), im BMW dagegen Stille. Kein Einzelfall: Ein E46 im Verwandtenkreis ist auch 16 Jahre nach der Erstzulassung noch komplett klapperresistent.

Auch überzeugt der Innenraum mit den tags und nachts perfekt ablesbaren Instrumenten. Die orangene Beleuchtung empfinden ja einige Menschen als antiquiert, sie ist aber sehr ermüdungsfrei und unaufdringlich. Passend dazu kann man das Ambientelicht wahlweise in Orange (Farbton „Klassisch“) oder weiß (Farbton „Modern“) auswählen und dimmen.

Zum Abschluss darf nochmals den Produktplanern bei BMW Tribut gezollt werden. Mit dem 3er Gran Turismo öffnet man die Marke für budgetbegrenzte Dienstwagenfahrer, auch solche, denen Autos aus München bisher stets zu eng geschnitten waren (was auf mich zutrifft). Dazu kommen sicherlich einige Umsteiger der 5er Limousine, die den günstigeren Grundpreis des F34 nutzen um mehr Sonderausstattung in das Auto zu packen – was wiederrum mehr Marge für den Hersteller verspricht. Und dann ist da noch der Privatkunde: Familienvater, BMW-Fan mit Platzbedarf und jetzt in den Startlöchern für einen gepflegten Gebrauchten. Die ersten Leasingrückläufer bevölkern zwei Jahre nach der Markteinführung langsam den Markt – diese werden sicherlich direkt vom Händlerhof in Reihenhaus-Garagen und Carports umgeparkt.

Übrigens: Ganz hinten ist die Kopffreiheit im Schrägheckmodell natürlich eingeschränkter als in einem Kombi – gemeint ist der Kofferraum. Da hier also kein Hund sitzen kann, ist aus dem Mann im Showroom wohl kein 3er Gran Turismo Kunde geworden.

Was mich überrascht

Wie groß der 3er Gran Turismo werden durfte, ohne preislich zu nahe an den 5er heranzukommen. Das kann mit dem neuen Diesel zum Facelift nur besser werden.

Was mich irritiert

Fast jeden Tag: Wie man direkt im Fahrerblickfeld unter der Motorhaube eine schwarze Kunststoffblende montieren kann, die nicht nur stets dreckig wird und bleibt sondern in der Mitte auch eine riesengroße Fuge hat, wo beide Hälften zusammengesteckt wurden.

Was ich vermisse

Die schönste BMW-Außenfarbe auch für den 3er zur Auswahl: Jatoba Metallic

Teile das!
Text: Bernd Conrad
Bilder: Bernd Conrad