Land Rover Defender 110 P400e Die Provokation

Was kann der Land Rover Defender 110 als Plug-in Hybrid? Alltags-Test mit Video-Review.



Der neue Land Rover Defender provoziert. Vornehmlich Traditionalisten stimmen auch bei dieser Neuauflage einer automobilen Ikone das Lied mit dem Titel „Früher war alles besser“ an. Dabei darf der Geländewagen durchaus als gelungene Wiedergeburt gelten. Neben hoher Offroadkompetenz bringt er endlich auch Fahrkomfort und ein gutes Raumangebot im Innenraum mit. Klar ist aber auch: Vollgepackt mit High-Tech bis zur Luftfederung dürfte ein 30 Jahre alter Defender in Zukunft nicht mehr in jeder Hinterhofwerkstatt oder im Regenwald zu reparieren sein.

Provokant wird es auch, wenn man mit dem Dickschiff im Alltag vorfährt. Den der komfortable Defender jetzt eben so gut beherrscht, dass kein Zweitwagen angeschafft werden muss. Vorausgesetzt, man hat genug Platz für den 5,02 Meter langen, über zwei Meter breiten und 1,97 Meter hohen Kasten. Immerhin helfen allerlei Kameras beim Rangieren nicht nur vor der Behelfsbrücke, sondern auch im Parkhaus dem Möbelmarkts.

Der Defender P400e im Video

Um den CO2-Fußabdruck auch für die Marke nicht ausufern zu lassen, lässt sich der Land Rover Defender 110 auch lokal emissionsfrei zur Kita, zum Einkaufen oder ins Büro bewegen. Immerhin dann, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind. Die erste ist das richtige Häkchen im Konfigurator, nämlich bei der Motorvariante P400e. Sie ist neben dem Basisbenziner P300 der einzige Vierzylinder im Programm der Baureihe, nachdem auch die Diesel jetzt ganzheitlich Reihensechszylinder sind.

Der zwei Liter große Benziner leistet 221 kW / 300 PS. Unterstützt wird er von einem 105 kW (143 PS) starken Elektromotor. Die Systemleistung des Plug-in Hybrids liegt bei üppigen 297 kW / 404 PS. Im maximalen Drehmoment von 640 Newtonmetern übertrifft der den P400 genannten Reihensechszylinder-Benziner (400 PS) um 90 Newtonmeter, selbst der 525 PS starke V8 hat mit 625 Newtonmetern nach Nachsehen.

Nur 38 km elektrische Reichweite

Wenn es denn sein muss, katapultiert sich der Defender 110 P400e bei vollem Akku und schwerem rechten Fuß des Fahrers in 5,6 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Das fühlt sich noch dramatischer an als es sich anhand der Zahlen liest, wenn man währenddessen in der ersten Etage hinter dem Lenkrad sitzt. Mit optionaler 22-Zoll-Bereifung endet der Vortrieb erst bei 209 km/h.

Eskapaden sind aber nicht empfehlenswert. Denn spätestens dann steigt der Benzinverbrauch ins Unermessliche. Damit kommen wir zur zweiten Voraussetzung für das lokal emissionsfreie Fahren im 2,6 Tonnen schweren Geländewagen. Das gelingt nämlich nur dann, wenn die Alltagstrecken eine überschaubare Länge haben. Mit dem Strom aus dem netto 15,4 kWh großen Lithium-Ionen-Akku kommt der Defender 110 bei entspannter Fahrweise 38 Kilometer weit, dann ist der Stromspeicher leer. Auch hier zeigt sich, dass ein Plug-in Hybrid ein Stromfresser ist. An öffentlichen Ladesäulen lädt der Defender einphasig und damit in Deutschland mit maximal 4,6 kW. Auch ein CCS-Anschluss ist vorhanden, womit bis zu 32 kW Ladeleistung am Schnelllader möglich wären.

Elegant gelöst ist die Anzeige im digitalen Kombiinstrument. Der Fahrer sieht, wie weit er das Fahrpedal herunterdrücken kann, um den EV-Fahrmodus nicht zu verlassen. Theoretisch kann man bis zu 140 km/h rein elektrisch fahren, in der Praxis betritt der Benziner schon früher die Bühne.
Der Übergang zwischen den beiden Antriebsarten wird ohne Aufsehen erledigt. Im Innenraum gibt sich der Vierzylinder sounddesigned auch nicht als solcher zu erkennen. 11,6 Liter je 100 Kilometer wurden als Alltagsverbrauch im Hybrid-Modus erzielt. Mit leerem Akku klettert dieser Wert auf über 15 Liter.

Stilsicheres Interieur

Land Rover Defender 110 P400e Plug-in Hybrid Test Fahrbericht Video Review Reichweite Verbrauch 2022

Der Innenraum hält auch im elektrifizierten Hundertzehner viel Platz für fünf Passagiere bereit. Die Materialien im Innenraum gefallen auch durch die Mixtur mit teils abwaschbaren Oberflächen und offen liegenden Schrauben. Wie beim Exterieur zeigt Land Rover hier eine stilsichere Verbeugung vor dem rein nutzwertigen Original.

Die Bedienung des Infotainmentsystem über den optional 11,4 Zoll großen Touchscreen-Monitor (Serie 10 Zoll) gelingt auch für Markenneulinge ohne große Eingewöhnung. Klimaanlage und Sitztemperatur (Heizung / Lüftung) lassen sich ebenso wie Geländeeinstellungen über klare Regler und Tasten in der Mittelkonsole bedienen.

Das kostet der Defender P400e

Land Rover Defender 110 P400e Plug-in Hybrid Test Fahrbericht Video Review Reichweite Verbrauch 2022

Ein günstiges Angebot ist der neue Land Rover Defender nicht, das gilt auch für den Plug-in Hybriden. Ab 74.700 Euro steht der P400e in der Preisliste, damit liegt er 5.800 Euro über dem Benziner mit 400 PS. „Ach, das lässt sich ja durch die Förderung ausgleichen!“ Nein. Denn aufgrund seiner Normreichweite von 43 Kilometern ist der Land Rover in der Bafa-Liste der förderfähigen Fahrzeuge nicht aufgeführt.

Trotz der guten Serienausstattung die beispielsweise auch das komfortable Fahrwerk mit Luftfederung umfasst, bietet die Preisliste von Land Rover allerlei Optionen für mehr Komfort und Individualisierung. Ohne große Euphorie lässt sich der Gegenwert eines Kleinwagens in Extras investieren. Der Testwagen hat einen Listenpreis von über 96.000 Euro.

Fazit

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Der Land Rover Defender ist ein gelungener Allrounder. Neben hoher Geländetauglichkeit bietet die neue Generation auch einen tollen Fahrkomfort. Damit deckt er fast alle Lebensbereiche ab und reiht sich präzise in die Familienlinie mit dem Range Rover ein. Die Frage ist nur: Welche Rolle spielt da noch der Land Rover Discovery?

Der Plug-in Hybrid passt nicht unbedingt zum großen Defender. Wer ihn im Kurzstreckenverkehr bewegt und damit meist elektrisch fährt, hat wohl das falsche Auto gewählt. Für maximale Anhängelast, Kilometersammeln und großen Touren und annehmbaren Verbrauch ist hier nach wie vor einer der Dieselmotoren die (noch) bessere Wahl.

Technische Daten

Land Rover Defender 110 P400e

Hubraum 1.997 ccm
Anzahl und Bauform Zylinder 4 in Reihe
Maximale Leistung kW / PS 221 kW / 300 PS
Getriebe Achtgang-Automatik
Elektromotor: Maximale Leistung kW 105 kW (143 PS)
Systemleistung: kW / PS 297 kW / 404 PS, 640 Nm
Batterie 15,4 kWh, Lithium-Ionen
Tankinhalt 90 Liter
Beschleuningung 0-100 km/h 5,6 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit elektrisch 140 km/h
Höchstgeschwindigkeit 191 km/h / 209 km/h (mit 22-Zoll-Rädern)
Norm-Verbrauch kWh / 100 km 23,8 - 24,8 kWh
Norm-Verbrauch auf 100km 2,8 - 2,9 Liter
Verbrauch real auf 100km 11,6 Liter
Reifenmarke und –format des Testwagens Pirelli Scorpion Winter 255/60 R20
Leergewicht 2.600 kg
Anhängelast (gebremst) 3.000 kg, Stützlast 150 kg
Länge / Breite / Höhe 5.018 / 2.008 / 1.967 mm
Grundpreis 74.700 Euro
Testwagenpreis ca. 96.000 Euro
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Text: Bernd Conrad
Bilder: Andreas Hof, Bernd Conrad
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