LEVC VN5 Transportieren mit Stil

London-Taxi mit Laderaum: Der elektrische LEVC VN5 mit Range Extender im Test mit Video-Review.



Menschen halten inne, blicken auf uns dem silbernen Auto hinterher. Familienväter stupsen ihre Ehefrauen und Kinder an und deuten in Richtung Straße. Dass manch seltener Zweisitzer für Aufmerksamkeit sorgt, ist man im Berufsalltag mit Testwagen gewohnt. Dass dies aber bei einem Kastenwagen, einem Nutzfahrzeug also, passiert, ist eine neue Erfahrung.

Eingebauter Kultfaktor? Das kann man so sagen. Denn das Auto mit der kryptischen Bezeichnung LEVC VN5 hat eine große Familientradition. Dröseln wir doch erst einmal den Namen auf. Die alteingesessene London Taxi Company, Hersteller der weltweit berühmten „Black Cabs“, wurde nach der Insolvenz der Eigentümergesellschaft 2012 vom chinesischen Geely-Konzern übernommen.

Der LEVC VN5 im Video

2017 zeigte die Firma das komplett neue London Taxi. Der TX hatte sich zum Elektroauto mit Range Extender (nennen wir ihn mal nicht Plug-in Hybrid) evolutioniert. Dazu gab es einen neuen Namen für den Hersteller: London Electric Vehicle Company (LEVC) beschreibt den Anspruch des Vorhabens: Man will nicht länger nur Taxis bauen. Und da fährt der VN5 ins Rampenlicht: VN steht für Van, die Zahl Fünf ist ein Hinweis auf das Ladevolumen von 5,5 Kubikmetern.

Seinen hohen Sympathiewert fährt der VN5 mit der Frontpartie ein. Bis zur B-Säule entspricht der dem TX. Die Formensprache, die seit dem LTI Austin FX4 seit Ende der 1950er Jahre bekannt ist, trägt das neue Modell in die 2020er-Jahre. Der schildartige Grill und runde Scheinwerfer blicken freundlich nach vorne. Die gerade Motorhaube ist ein deutlicher Designunterschied zum Einheitsdesign moderner Kastenwagen. Maximale Verkehrsflächeneffizienz ordnet sich der Gestaltung unter. Mit einer Länge von 5,23 Metern passt der VN5 nicht auf Norm-Stellplätze. Immerhin erlaubt die Höhe von 1,99 Metern die Einfahrt und viele Tiefgaragen und Parkhäuser.

Volvo Inside

Auch im Cockpit geht LEVC eigene Wege, obwohl man sich hier im Teileregal einer Konzernschwester bedient. Lenkrad, Cockpit mit Displays und Sitze stammen von Volvo. Das lässt den VN5 im Wettbewerbsumfeld stylish und modern erscheinen. Das Gestühl mit tollem Seitenhalt und optional ausziehbarer Oberschenkelauflage ist elektrisch einstellbar und selbst auf langen Strecken sehr bequem. Beim häufigen Ein- und Aussteigen, dass im Verteiler- und Lieferverkehr durchaus an der Tagesordnung ist, sind die hohen Sitzwangen manchen Fahrern aber im Weg. Vor der Trennwand zum Laderaum ist ausreichend Platz, solange man die typische Sitzhaltung eines Londoner Taxifahrers einnimmt: Große Menschen sitzen mit steiler Lehne bei zurückgefahrenem Fahrersitz hinter dem großen Lenkrad.

96 km Elektro-Reichweite

LEVC VN5 Elektro Transporter London Taxi Test Video Review

Die Kunststoffe sind im Vergleich zu Volvo-PKW nicht aufgeschäumt, was dem soliden Eindruck des Interieurs aber nicht schadet. Über den Hochkant-Touchscreen lassen sich Navigation (optional) und Fahrzeugeinstellungen vornehmen. Darunter befindet sich auch die Möglichkeit, den Antriebsmodus in drei Stufen einzustellen: Pure EV für elektrisches Fahren, Smart für eine softwaregesteuerte Verteilung des Energiebezugs und Save für das Aufheben des aktuellen Akku-Füllstands. Das ist dann wichtig, wenn man beispielsweise von einem Depot in Richtung einer für nicht lokal emissionsfreie Innenstadtlage unterwegs ist.

Ein 110 kW (150 PS) starker Elektromotor treibt im LEVC VN5 die Hinterräder an. Mit seinem maximalen Drehmoment von 250 Newtonmetern ist er ausreichend kräftig, um – zumindest bei leerem Laderaum – auch mal dynamischer von der Ampel loszuspurten. Seine Energie bezieht der Motor aus einem 31 kWh großen Akku. 98 Kilometer Reichweite nach WLTP-Norm werden angegeben, die sich auch in der Realität fast realisieren lassen. Im Pure-EV-Modus schafften wir es 96 Kilometer weit.

Spätestens dann springt der Range Extender ein. Er steckt unter der vorderen Haube und kommt ebenfalls von Volvo. Der 1,5 Liter große Dreizylinder-Benziner leistet 67 kW (91 PS). Eine direkte Verbindung zu den Antriebsrädern gibt es nie (also kann man von einem seriellen Hybrid sprechen).

Der Dreizylinderklang ist als sonores Geräusch wahrnehmbar, da der Motor ja stets als Generator vor sich hinläuft, also nicht bei Beschleunigung höher dreht. Mit ihm wird die Fahrt im VN5 nur etwas lauter als im EV-Modus. Was aber auch daran liegt, dass der Transporter, anders als Elektro-PKW, nicht sonderlich üppig gedämmt ist. Lüfterklänge, Reifenabrollen und Wind sind stets hörbar.

Flexibles Laden

LEVC VN5 Elektro Transporter London Taxi Test Video Review

Im reinen Range-Extender-Modus ist der VN5 recht effizient. Bei leerem Akku haben wir einen Durchschnittsverbrauch von 6,9 Litern je 100 Kilometern eingefahren. Mit 36 Liter nutzbarem Tankvolumen lassen sich im gemischten Betrieb also über 500 Kilometer Reichweite realisieren.
Geladen wird über Anschlüsse an der Front. Wechselstrom kann der serienmäßige 11 kW Onboard-Charger aufnehmen, dann parkt der Van 2:20 Stunden vor der Ladesäule oder Wallbox. Gegen Aufpreis ist ein 22 kW Lader zu haben, der die Standzeit auf 75 Minuten für eine Vollladung reduziert. Wer also im Rahmen seiner täglichen Touren, beispielsweise auf dem Firmengelände oder bei Kunden, lädt, kann hier zügig neue Reichweite nachfassen.

Am Schnelllader kann der LEVC VN5 Gleichstrom mit maximal 50 kW laden, hier reichen 25 Minuten für ein Auffüllen des Akkus auf 80 Prozent, 30 Minuten für 100 Prozent. Das konnten wir im Testalltag leider nicht nachprüfen, da die Schnelllader in der Region allesamt immer dann offline waren, als wir vor Ort waren. Da half auch der optionale CHAdeMO-Anschluss auf der anderen Seite des Kühlergrills nicht weiter. Mit diesem Extra wird der Kastenwagen maximal flexibel.

Minimaler Wendekreis

LEVC VN5 Elektro Transporter London Taxi Test Video Review

Ein großer Pluspunkt ist, neben dem flotten Antrieb, auch die Wendigkeit. Hier helfen die London-Taxi-Gene. Die Vorderräder lassen sich weit einschlagen, der Wendekreis liegt bei geringen 10,1 Metern. Gefühlt wendet der VN5 beinahe auf der Stelle.

Der Laderaum ist über Flügeltüren am Heck und eine Schiebetür auf der rechten Seite bequem erreichbar. Gegen Aufpreis gibt es eine zweite Schiebetür links. Leider liegt die Tasche mit dem Ladekabel ein bisschen planlos hier herum. Bei der Konstruktion des Autos hätte man hier durchaus eine bessere Lösung finden können.

Etwas weniger Achtsamkeit schenkten die Monteure in Coventry auch der Verkabelung. Der Kabelstrang für Innenlampe und Heckleuchten am oberen Ende der Laderaumverkleidung wirkt wie nachträglich hingetackert und dürfte im harten Ladealltag nicht lange leben.

Das kostet der LEVC VN5

LEVC VN5 Elektro Transporter London Taxi Test Video Review

Ein günstiges Vergnügen ist der VN5 nicht. Er zielt vielmehr auf Gewerbetreibende, die neben den – je nach Fahrprofil - günstigen Stromkosten ihren Transporter auch als fahrende Visitenkarte verstehen. Denn dann ist er eine gelungene Marketinginvestition.

Das Basismodell, der VN5 Business, kostet ab 52.450 Euro (inklusive Mehrwertsteuer 62.415,50 Euro). Empfehlenswert ist die höhere Ausstattungslinie City, mit der auch der Testwagen vorfuhr. Für 54.200 Euro (64.498 Euro brutto) bringt sie eine beheizbare Windschutzscheibe, Einparksensoren an Front und Heck, Vorhang-Airbags, Verkehrszeichenerkennung und weitere Extras mit.

Darüber rangiert der VN5 Ultima für 57.450 Euro (mit Mehrwertsteuer 68.365,50 Euro). Bei ihm sind dann Navigation, elektrische Verstellung der beheizten Sitze, der 22-kW-Lader, Rückfahrkamera und lackierte Stoßfänger serienmäßig.

Für den Lieferalltag reichen die unlackierten Schürzen des City voll und ganz aus. Wird er mit Rückfahrkamera und Komfortpaket (Navigation, Sitzheizung) ausgestattet, kommt man auf einen Listenpreis von 56.050 Euro (mit Mehrwertsteuer 66.699,50 Euro.

Fazit

LEVC VN5 Elektro Transporter London Taxi Test Video Review

Zwei Wochen war ich im Lieferwagen unterwegs. Und hatte selten mehr Spaß am Autofahren. Der Antrieb ist ausreichend spritzig, das sympathische Wesen des VN5 steckt an. War seit dem klassischen VW Bus ein Transporter kultiger?

Der besondere Geschmack kostet aber eine Stange Geld, hier unterscheidet sich das Nutzfahrzeug leider nicht vom PKW-Markt. Für einen bleibenden Eindruck im Straßenverkehr oder bei Kunden, für den sich eine Folierung mit dem eigenen Firmennamen empfiehlt, ist der VN5 aber auch trotz der stolzen Preise sehr empfehlenswert.

Technische Daten

LEVC VN5

Anzahl und Bauform Zylinder 3 in Reihe
Maximale Leistung kW / PS 67 kW / 91 PS
Max. Drehmoment 160 Nm
Getriebe Eingang-Reduktionsgetriebe
Elektromotor: Maximale Leistung kW 110 kW (150 PS)
Elektromotor: Maximales Drehmoment 250 Nm
Batterie 31 kWh Lithium-Ionen
Tankinhalt 36 Liter
Beschleuningung 0-100 km/h 13,2 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 128 km/h
Norm-Verbrauch kWh / 100 km 11,9 kWh
Norm-Verbrauch auf 100km 0,9 Liter
Verbrauch real auf 100km 6,9 Liter
Leergewicht ca. 2,2 Tonnen
Anhängelast (gebremst) keine!
Länge / Breite / Höhe 5.233 / 1.945 / 1.990 mm
Grundpreis 52.450 / 62.415,50 Euro (netto/brutto), Ausstattungslinie Business
Testwagenpreis 57.500 / 68.425 Euro (netto/brutto), Ausstattungslinie City
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Text: Bernd Conrad
Bilder: Andreas Hof, Bernd Conrad