Genesis GV60 Der feine Unterschied

Besser als Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6? Der neue Genesis GV60 im ersten Fahrbericht mit Video-Review.



Der Tusch, der zur Markteinführung von Genesis in Deutschland 2021 ertönte, ist kaum verhallt, da holen die Koreaner zum nächsten Aufschlag aus. Nach den Verbrennern startet jetzt die elektrische Zukunft der Hyundai-Premiummarke. Bis 2030 werden Benziner, Diesel und Elektroautos parallel angeboten, dann soll die Marke komplett elektrisch unterwegs sein.

Noch in diesem Jahr kommen die Limousine Genesis Electrified G80 und das Mittelklasse-SUV Electrified GV70 auf den Markt, beide als Derivate der entsprechenden Baureihen. Aber auch ein ganz neues, von vornherein als E-Auto entwickeltes Modell ist dabei: Der GV60.

Der GV60 im Video

Der basiert auf der E-GMP (Electric Global Modular Platform) genannten Architektur, die auch Hyundai Ioniq 6 und Kia EV6 trägt. Beide räumen einen Award nach dem anderen ab, überzeugen Fachleute und auch Kunden mit einem guten Package, hoher Leistung und der 800-Volt-Technologie für schnelles Laden. Zutaten, die auch beim Genesis GV60 nicht fehlen dürfen.

Alles gleich also? Mitnichten. Schnell wird klar, dass die Produktplaner für eine saubere Abgrenzung der drei technisch ähnlichen Produkte gesorgt haben. Das Design des GV60 wirkt auch auf den zweiten Blick etwas verspielt, distanziert sich aber von er geometrischen Klarheit des Ioniq 5 und der Schwülstigkeit des EV6.

Premium-Ambiente

Innen schenkt der Genesis die Premiumfahne. Die verarbeiteten Materialien wirken deutlich hochwertiger als bei den Konzernbrüdern, Details wie die Flaschenhalter in den Fondtüren gefallen. Die Premium-Positionierung des GV60 klappt auf jeden Fall besser, als das dem Audi Q4 e-tron im Vergleich zu VW ID.4 und Skoda Enyaq gelingt.

Das Platzangebot im Genesis GV60 unterscheidet sich nicht großartig von Hyundai und Kia. Viel Knieraum im Fond steht im Kontrast zu stark angewinkelten Beinen für große Fondpassagiere, da im Fahrzeugboden der 77,4 kWh große Lithium-Ionen-Akku steckt. Die abfallende Dachlinie bedeutet zudem Kompromisse bei der Kopffreiheit.

Im Cockpit erfreut die Bedienung des Infotainmentsystems. Neben der Touch-Funktion des mittleren Bildschirms kann man wichtige Funktionen auch über physische Tasten ansteuern, oder den intuitiv bedienbaren Dreh-Drück-Steller auf der Mittelkonsole nutzen. Dahinter glitzert eine Glaskugel im Licht, das durch die Fenster einfällt. Sie dreht sich nach dem Druck auf die Start-Taste (ein direktes Losfahren nach dem Platznehmen ist also nicht möglich) einmal um die eigene Achse und mutiert zum Wählrad für die Fahrtrichtung.

Allradantrieb und 320 kW

Genesis GV60 Test Fahrbericht Sport Plus Drift Mode Reichweite Video Review

Unser Testwagen ist ein Genesis GV60 Sport Plus. Er hat zwei jeweils 160 kW (218 PS) starke Maschinen unter dem Blech, eine an jeder Achse. Das Basismodell Sport kommt vorne mit 74 kW (100 PS aus). Die kombinierte Leistung des Sport Plus liegt also bei 320 kW (436 PS). Damit positioniert sich der GV60 deutlich über dem Ioniq 5, überlässt dem Kia EV6 GT (430 kW bzw. 585 PS) aber die Rolle des Spitzensportlers.

Das passt zum Charakter des Premiummodells, der sich schon nach wenigen Kilometern klar und deutlich zeigt. Obwohl man stets mehr als genug Leistung hat, um es auch ordentlich „fliegen“ zu lassen, bleibt der GV60 stets entspannt und ruhig, vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit. Das Fahrwerk, dessen adaptive Dämpfer von Daten einer Frontkamera gefüttert werden und sich dann einstellen, trägt einen großen Teil dazu bei.

Hoher Reisekomfort

Genesis GV60 Test Fahrbericht Sport Plus Drift Mode Reichweite Video Review

Asphaltflicken, Fugen und Wellen aller Größe bügelt der GV60 mit einer großen Portion Lässigkeit glatt. Man mag fast nicht glauben, dass das Auto mit großen 21-Zoll-Rädern bestückt ist. Dazu kommt die Ruhe. Sobald das optionale Bang & Olufsen – Soundsystem für 1.170 Euro an Bord ist, kümmert es sich um die Geräuschunterdrückung. Wie viel der Stille auf das Konto des Gegenschalls geht und was die Dämmung des Innenraums allein ausrichtet, konnten wir mangels zweitem Testwagen ohne Soundsystem noch nicht feststellen.

Selbst bei Autobahntempo 200 oder mehr dringen keine Abroll- und kaum Windgeräusche in die Kabine. Auf diese Geschwindigkeit und bis hin zur Topspeed von 235 km/h beschleunigt das immerhin 2.145 kg schwere Elektroauto mühelos. In 4,0 Sekunden sind, den Werksangaben zufolge, 100 km/h erreicht. Und zwar dann, wenn man den Boost-Knopf im Lenkrad drückt. Das Antriebssystem stellt dann für einige Sekunden an jedem Motor 20 kW zusätzlich, die kombinierte Gesamtleistung – wichtig für den Stammtisch – steigt dann auf 360 kW (490 PS).

Was bringen die digitalen Außenspiegel?

Genesis GV60 Test Fahrbericht Sport Plus Drift Mode Reichweite Video Review

Den restlichen Verkehr kann man dann nur im Rückspiegel betrachten, wenn man den inneren ins Visier nimmt. Denn als aufpreispflichtige Option (1.460 Euro) trägt der GV60 Kameras anstelle von Außenspiegeln. Sie dürften die Aerodynamik und somit die Reichweite minimal verbessern. Hochauflösende Displays am Fuß der A-Säulen zeigen die Rückansicht in Echtzeit und unabhängig vom Wetter. Das ist ein Vorteil dieser Technologie. Zudem sind die Displays besser platziert als die im Audi e-tron.

Einmal mehr wird aber deutlich, dass der Mensch Informationen, die er im Spiegelbild sieht, schneller verarbeiten kann. Außerdem kann man, beispielsweise beim Rangieren auf engem Raum, durch Änderung des Blickwinkels nicht mehr sehen als davor. Das ist und bleibt ungewohnt.

Das kostet der Genesis GV60

Genesis GV60 Test Fahrbericht Sport Plus Drift Mode Reichweite Video Review

Wie so oft im Leben: Das ganz große Vergnügen ist kein günstiges. Wobei der Genesis GV60 Sport mit 234 kW (318 PS) sogar knapp unter dem Kia EV6 bleibt. Konfiguriert man ihn als Allradmodell mit 239 kW (325 PS) in der Ausstattungslinie GT-Line, kostet er 58.890 Euro. Der Genesis ist für 56.370 Euro zu haben. Blicken wir zum Preis-Vergleich doch mal zum Audi Q4 Sportback e-tron. Ihn gibt es mit 220 kW (299 PS) und Allradantrieb ab 55.600 Euro, er trägt dann aber die Nudisten-Basisausstattung.

Wer beim Genesis zum Sport Plus aufsteigen will, muss schon mit 71.010 Euro rechnen. Das feine Fahrwerk, ein elektronisches Sperrdifferenzial, der Drift-Modus (der mal bei trockenem Wetter und abgesperrter Piste ausprobiert wird) und mehr gehören dann schon dazu.

Wie bei anderen Premiummarken auch lässt sich die Ausstattung mit Einzeloptionen und Paketen aber ordentlich aufpumpen. Der Preis des Testwagens klettert so auf üppige 84.590 Euro.

Fazit

Genesis GV60 Test Fahrbericht Sport Plus Drift Mode Reichweite Video Review

Wie geht Premium? Zum Beispiel so. Der Genesis GV60 nutzt die gleiche Architektur wie seine bodenständigeren Schwestermodelle, entspricht ihnen auch im Format weitestgehend. Die verwendeten Materialien und die Verarbeitung im Innenraum zeigen aber einen deutlichen Unterschied, das adaptive Fahrwerk der Sport-Plus-Version verbindet Komfort mit Dynamik. Für das volle Premium-Gefühl sollte man sich zudem die Lautsprecheranlage mit Geräuschunterdrückung gönnen.

Dann wird der Genesis zwar sehr teuer, spricht damit aber direkt Schöngeister mit locker sitzender Brietasche an. Vielleicht muss es ja kein Basis-Taycan sein, sondern lieber ein GV60 mit „voller Hütte“? Auf jeden Fall kann Audi den Q4 e-tron mal Nachhilfe im Fach „Produktdifferenzierung innerhalb des Konzerns“ nach Seoul schicken.

Technische Daten

Genesis GV60 Sport Plus

Antrieb Allradantrieb
Getriebe Eingang-Reduktionsgetriebe
Elektromotor vorn: Maximale Leistung kW 160 kW (218 PS) + 20 kW (27 PS) im Boost
Elektromotor hinten: Maximale Leistung kW 160 kW (218 PS) + 20 kW (27 PS) im Boost
Systemleistung: kW / PS 320 kW (436 PS) / 360 kW (490 PS) im Boost, 700 Nm Drehmoment
Batterie 77,4 kWh Lithium-Ionen
Maximale Ladeleistung Gleichstrom (DC) 240 kW
Maximale Ladeleistung Wechselstrom (AC) 11 kW (dreiphasig)
Beschleuningung 0-100 km/h 4,0 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 235 km/h
Norm-Verbrauch kWh / 100 km 19,1 kWh
Realer Verbrauch im Testzeitraum kWh/100 km 20,4 kWh (lt. Bordcomputer)
Reifenmarke und –format des Testwagens 255/40 R21
Leergewicht 2.145 kg
Anhängelast (gebremst) 1.600 kg
Länge / Breite / Höhe 4.515 / 1.890 / 1.590 mm
Grundpreis 71.010 Euro
Testwagenpreis 84.390 Euro
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Text: Bernd Conrad
Bilder: Andreas Hof, Bernd Conrad
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