Paul Pietsch Classic 2016 Wenn Männer kuscheln.

Mit Rallye-Legende Christian Geistdörfer zwei Tage im VW Käfer.

Elf Jahre war ich alt, als der mütterliche Volkswagen (1303 Automatic) altersbedingt einem japanischen Allerweltskompaktwagen Platz machen musste. Seitdem bin ich nicht mehr in einem Käfer gesessen.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Jetzt, 28 Sommer später, sitze ich hier auf einem ziemlich keinen Beifahrersitz. Hocke vielmehr. Die Beine stark angewinkelt, auf Tuchfühlung mit der Tür und spüre das Ende der kopfstützenlosen Rückenlehne an den Schulterblättern. Willkommen im VW Käfer. Modell 1300, Baujahr 1969. Mit zarten 29 kW/ 40 PS. Damaliger Neupreis 5.362 Deutsche Mark. Inklusive 165 Mark Aufpreis für das L-Paket: Make-Up Spiegel in der Sonnenblende, aufgepolsterte Armaturentafel, Aschenbecher im Fond, abblendbarer Innenrückspiegel und zwei Rückfahrscheinwerfer stellten damals Luxus dar.

Das wird mein Platz für zwei ganze Tage. Aber noch bevor ich mich fragen kann, ob es nicht auch bequemer gegangen wäre, stellt sich eine erfreuliche Heimeligkeit ein. So ähnlich, wie man sich angekommen fühlt, wenn man aufs Meer hinausblickt, egal wo. Es scheint, als ob der Mensch in den Käfer hineingehört. Gequetscht oder nicht, es „sitzt“. Wunderbar.

Trotz einem großen Lederklemmbrett auf meinem Schoß. Wieso sitzt denn eigentlich der Auto-Blogger auf dem Beinfahrersitz? Ganz einfach, weil ein Großmeister unseres Fachs hinter dem spindeldürren, aber riesigen Lenkrad Platz nimmt. Kein geringerer als Christian Geistdörfer.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Zusammen mit Walter Röhl wurde Christian Geistdörfer zweimal Rallye-Weltmeister: 1980 in einem Fiat 131 Abarth Rallye und 1982 in einem Opel Ascona 400. Beide Autos übrigens mit angetriebenen Rädern an der Hinterachse. Die hat auch unser VW Käfer.
Mit diesem Fahrzeug aus dem breitgefächerten Fundus des ZeitHaus-Museums in der Wolfsburger Autostadt, darf ich als Co-Pilot von Christian Geistdörfer die fünfte Auflage der Paul Pietsch Classic – Rallye durch den Schwarzwald erleben. Von den 33 Käfer-Modellen in der Ausstellung sind acht Exemplare bei der Ausfahrt am Start, das älteste aus dem Jahr 1951, der jüngste ist der 1200 als Jubiläums-Modell aus 1985.

463 Kilometer Strecke wurden von den Veranstaltern für die 114 Starter-Fahrzeuge ausgesucht. Klar, durch Wälder. Auf schmalen Asphaltbändern, tollen Serpentinenstrecken und durch malerische Ortschaften. Während der nicht enden wollende Dauerregen die Autos ganz schön einsaut, vor großen Werten wie dem Bugatti Type 35 aus 1926 oder diversen Mercedes 300 SL aus den 1950ern genauso wenig Respekt hat wie vor dem Mercedes 600 SEC, mit Baujahr 1992 das neueste Auto im Feld.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Der 69er-Käfer hämmert im seligen Takt des heckseitigen Boxermotörchens seine 29 Kilowatt, macht 40 Pferdestärken, auf die Straße. Christian Geistdörfer entspannt mich mit seiner ruhigen und freundlichen Art von Anfang an. Zumindest bis zur ersten Wertungsprüfung, einer von vielen Aufgaben während den Etappen einer Oldtimer-Rallye. Anstatt Christian die Fahrmanöver („in 380 Metern vor der Kirche links Richtung Freudenstadt“, „nach der Unterführung am Vorfahrtsschild rechts abbiegen, danach geradeaus über den Kreisverkehr“) zu diktieren, muss ich nun nichts anderes machen, als auf sein Kommando die Stoppuhr zu starten. Und zu zählen. 40 Meter in elf Sekunden ist die Aufgabe, davon die ersten 20 in sieben Sekunden. Die Dosierung des Gaspedals übernimmt Christian, auf sein „Go“ beim Passieren der ersten Lichtschranke drücke ich den Knopf auf der Uhr. Aber der geht weniger leicht nach unten als gedacht, mindestens eine halbe Sekunde verliere ich in der Hektik, eine weite Halbe bis ich nochmal drücken kann. Versemmelt! Klingt nach nicht viel, ist bei der Akribie der enthusiastischen und motivierten Teilnehmerschar aber eine Welt und genug, um uns Strafpunkte zu bescheren.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Aber auch dieser Fauxpas (übrigens nicht mein einziger, aber wie Christian für sich ausrechnen kann, wie er 12,27 km in 20:54 Minuten, davon die ersten 12,24 km in 20:49 Sekunden, danach nochmal 2,4 km in 4:03 Sekunden als Teil von 2,43 km in 4:08 Sekunden fahren soll, während sich diese Teilmengen aber überlappen und insgesamt 25:02 Minuten Fahrzeit ergeben, ist mir immer noch ein Rätsel), bringt einen der Helden meiner Rallye-Poster und Greger-Racing-Show-Kindheit nicht aus dem mentalen Gleichgewicht.

Während Christian Geistdörfer unseren Käfer im zweiten Gang wie einen Seiltänzer auf seinem längsdynamischen Grenzbereich die Strecke der legendären Schauinsland-Bergstrecke (173 Kurven auf knapp 12 Kilometern) hochzirkelt, dabei mit laut hämmerndem Boxermotor (jetzt nur nicht schalten, bei dem Schwungverlust spricht man in anderen Autos von Bremsleistung!) einen Käfer fahrenden Teamkollegen überholt und die winzigen Scheibenwischerchen tapfer gegen die Regenmassen ankämpfen, wachsen meine dauergrinsenden Mundwinkel an den Ohrläppchen fest.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Eng zusammengekuschelt sitzen wir Schulter an Schulter im schmalen VW, bei jeder Rechtskurve, durch die Christian den Käfer auf der Ideallinie donnern lässt, rutsche ich fast auf ihn drauf, da hilft auch der immerhin vorhandene Dreipunktgurt nicht. Trotz des schmal motorisieren Automobils sind wir äußerst zügig unterwegs, zumindest in meiner Otto-Normalo-Weltanschauung. Furcht vor einem Ausritt ins Grüne habe ich aber keine Sekunde, neben dem Profi fühle ich mich sicher wie auf dem heimischen Sofa. Nur das Programm ist spannender. Und unterhaltsamer. Während er den Käfer um Kehren wuchtet, erzählt mir Christian spannende Geschichten aus der aktiven Rallye-Zeit. Nebenbei stelle ich mir vor, dass die Jungs damals mit ihren Lancias und Audis ähnliche Strecken, bei denen wir gerade maximal 70 Sachen machen, gut und gerne mit 180 km/h und mehr geschnupft haben.

Auch nach vielen Stunden auf dem Beifahrersitz reißt die Begeisterung nicht ab, die Freude darüber, den erfahrenen Motorsportler dabei zu erleben, wie er das Maximale aus unserem 47 Jahre alten VW herausholt. Und doch juckt es mich natürlich in den Händen und in den Füßen.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Tatsächlich. Am zweiten Tag tauschen wir die Plätze. Für das Schlussstück der Rallye darf ich das Auto fahren. Die Kupplung kommt auf dem letzten halben Zentimeter Pedalweg und das Bremsen gleicht einem Ankerwurf. Du lässt ihn herunter, in dem Du den Fuß auf das Pedal drückst, irgendwann greift der Haken dann im Sand am Meeresgrund und der Käfer verzögert tatsächlich. Herrlich, dieses pure Autofahren.

Die letzten Kilometer der Rallye geht es von Villingen-Schwenninen in Richtung Donaueschingen über eine zweispurig ausgebaute Schnellstraße. Hier kommt dem 1300er-VW das seltene Vergnügen zuteil, auch mal im vierten Gang bewegt zu werden. 110 km/h stehen auf dem Tacho, fast Spitzengeschwindigkeit. Klaglos steckt das perfekt erhaltene Auto auch meine Vollgasattacke weg. Ich darf uns sogar durch das Ziel steuern. Mit Christian Geistdörfer rechts neben mir. Was für ein Erlebnis. Mir als Ersttäter bei einer professionellen Klassiker-Rallye ist die Platzierung schnuppe. Aber auch Christian Geistdörfer scheint sich nicht daran zu stören, dass mit mir als Ansager und Zeitnehmer nicht mehr als Platz 77 von 114 zu machen war. Auch damit zeigt er Professionalität. Und Charakter. Damit passt er wunderbar zu unserem hellblauen, charakterstarken Auto. Vielen Dank an beide.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Wo kommt unser VW Käfer her?

Das ZeitHaus ist nicht einfach ein Marken- oder Konzernmuseum. Die Ausstellung in der Wolfsburger Autostadt zeigt 100 erhaltenswerte Exponate, um die Geschichte des Automobils in ihrem großen Facettenreichtum darzustellen. Weitere 160 Autos hat man in der Hinterhand. Weil es halt kein Daimler-Museum ist steht der Benz Patent Motorwagen, das erste aller Autos, zwar eine originalgetreue Rekonstruktion, aber sonst kann der Besucher viel Originales bewundern. Vom Ford T-Modell über BMW 328, Fiat 500 B Topolino und Borgward Isabella bis hin zu seltenen Prototypen wie dem VW EA266, der den Käfer-Nachfolger darstellen sollte – bevor man mit der Arbeit am ersten Golf und dem ersten VW mit Frontmotor begann.
Für die Paul Pietsch Classic 2016 hat die Autostadt acht Käfer und einen Bugatti Type 35 eingesetzt.

Paul Pietsch Classic 2016 im VW Käfer

Weitere Fotos mit Impressionen der Autos bei der Paul Pietsch Classic 2016 findet Ihr in der Galerie:

Technische Daten

Volkswagen 1300 L, Baujahr 1969

Hubraum 1.285 ccm
Anzahl und Bauform Zylinder Vierzylinder Boxermotor
Maximale Leistung kW / PS 29 kW / 40 PS bei 4.000 U/min
Getriebe Viergang-Schaltgetriebe
Beschleuningung 0-100 km/h vorhanden
Höchstgeschwindigkeit 120 km/h
Leergewicht 820 kg
Grundpreis Neupreis 1969: 5.362 DM
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Text: Bernd Conrad
Bilder: wie angegeben