Besuch in Wolfsburg Charlie und die Automobilfabrik

In der Autostadt gibt es mehr zu entdecken als nur den eigenen Neuwagen.

Es sind vier Türme, jeder 125 Meter hoch und in den Jahren 1961 bis 1966 erbaut. Sie gelten, weit sichtbar, als modernes Wahrzeichen der Stadt Wolfsburg und sind über die Stadtgrenzen hinaus Sinnbild für den industriellen Aufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

Besuch in Wolfsburg

34 Jahre später wurden einen Steinwurf weiter östlich zwei weitere Türme errichtet. Sie sind komplett verglast, mit 48 Metern deutlich niedriger aber nicht weniger sehenswert. Es sind die Hochregallager für neue VW, die binnen 48 Stunden von ihren Erstbesitzern im benachbarten Auslieferungszentrum entgegengenommen werden.

Zwischen diesen Anker-Bauwerken liegt ein Naherholungsgebiet nicht nur für Autofans. Der Name: Autostadt. Auf 28 Hektar erstreckt sich ein Freizeitpark als eines der Vermächtnisse von Ferdinand Piëch. Dieses ist für viele Menschen erlebbarer ist als andere Lieblingskinder des ehemaligen Konzernvorstands: Zum Beispiel die Überautos von Bugatti. Eines davon, ein Veyron, findet sich auch in der Autostadt.

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Aber nicht plump als Vorführwagen ausgestellt (es müsste dann ja eh´ ein aktueller Chiron sein), sondern komplett verspiegelt als Teil einer Kunstinstallation im „Premium Clubhouse“. Das Gebäude, halb im Erdreich versenkt, ist einer von sieben Erlebnistempeln, in denen sich die Marken VW, Volkswagen Nutzfahrzeuge, Porsche, Audi, Seat und Skoda präsentieren. Das alles geschieht herrlich unaufgeregt.

Besuch in Wolfsburg

Nirgends vor den Türen oder an den Hauswänden sind Logos zu sehen. Wer mit verbundenen Augen in die Autostadt geführt wird, wähnt sich keinesfalls in der Selbstdarstellungskulisse eines Fahrzeugbauers. Akkurat gepflegte Grünflächen überziehen die Hügellandschaft, die sich um Gewässer schmiegt, die direkt neben dem Mittellandkanal gelegen den Anschein einer Lagunenlandschaft erwecken. Die dicht befahrene Schiffsverkehrsader ist auch Kulisse für den Autostadt-Strand, der zum Verweilen einlädt, wenn man nicht gerade mit einem Tret- Elektro- oder Solarboot unterwegs sein möchte.

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Einen Gang über die Kanalbrücke entfernt finden sich Offroad-Strecken, auf denen Interessenten und Kunden die Geländegängigkeit von Yeti, Tiguan, Touareg und Amarok erfahren können. Die kleinen SUV führen über eine zwar holprige aber doch recht unspektakuläre Strecke. Wäre da nicht die bemerkenswerte Durchfahrt einer großen Röhre, in der sich der Tiguan 32 Grad zur Seite neigen darf und Dir das Kleingeld in die Sitzschienen rasselt. Die größeren Brüder haben ihre eigene Strecke mit Wippe, Wasserdurchfahrt und einer Hängebrücke. Wenn die Frau Gemahlin oder der Herr Gemahl da nicht mit möchte, kann sie oder er übrigens 100 Meter weiter Outlet-Shopping-betreiben. Die Tüten passen danach hoffentlich noch die die Laderäume von e-Golf oder Passat GTE, mit denen man die alternativen Antriebsformen auf Routen durch Wolfsburg nähergebracht bekommt.

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Nach der Rückkehr in die Autostadt drängt es den autointeressierten Besucher ins das ZeitHaus. Das Museum gibt sich ähnlich abgeklärt wie das gesamte Gelände. Es ist mehr als nur eine weitere Marken- oder Konzernmodellsammlung. Unter den 100 Exponaten der aktuellen Ausstellung „Beziehungskisten“ finden sich automobile Meilensteine aller Marken, die als thematisch sortierte Pärchen im Scheinwerferlicht parken. Darunter Beispiele für konsequenten Kleinwagenbau mit einen Mini und einem Autobianchi A112, Innovationshelden wie dem Citroen DS19 und dem Audi A2 oder den GTI-Gegenpolen in Form des ersten GTI mit 110 PS und dem 2007er-Wörthersee-Einzelstück Golf W12 650 mit gigantischem Zwölfzylinder an dem Platz, wo sich im Serienmodell die Rücksitzbank und der Kofferraum befanden.

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Man merkt schon bei dieser kurzen Aufzählung: Klar stehen auch bei den „Beziehungskisten“ Modelle der Konzernmarken im Mittel-, aber nie aufdrängend im Vordergrund. Wer von den echten Ausstellungsstücken nicht genug bekommt, kann sich im Kino alte VW-Werbefilme mit 3D-Brille ansehen und sich dabei über die aus heutiger Sicht seltsam groben Kaufempfehlungen amüsieren.

Wieder unter freiem Himmel treibt es hungrige Mägen in eines der vielen Restaurants, vom Steakhaus bis zum „Wir-machen-unsere-Pizza-selber“ Familienerlebnis. Die sind gewiss gerne hier, denn der Kinderquengelfaktor sollte bei einem Besuch der Autostadt auf geringem Level bleiben. Die Kleinen können in Beetle-Sitzkisten virtuelle Fahrten unternehmen, Indoor- und Outdoor-Klettergerüste erkunden, Trampolinhüpfen oder auf der Slackline balancieren. Was dem Autor dieser Zeilen übrigens nicht gelang - in der Galerie ist der klägliche Versuch festgehalten.

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Auf dem Gelände der Autostadt findet sich zudem ein Fünfsternehotel der Kette Ritz-Carlton. Ob das bei all´ den Abholern von Golf Allstar oder CrossPolo überheblich wirkt? Keineswegs, es gibt spezielle Ratenpakete und zusammen mit den Businesskunden von Volkswagen sorgen die Autokunden dafür, dass das Ritz-Carlton Wolfsburg Medienberichten zufolge das bestausgelastete Haus der Kette weltweit ist. Zwei Restaurants, eines davon mit drei Sternen, und eine Bar mit feinsinnigem eigenem Gin Tonic namens „Wolfsburg Dry Gin“ (eine Empfehlung, wenn man abends nicht mehr fahren wird), runden das Besuchserlebnis geschmacklich ab. Autoabholer, die im Hotel übernachten, bekommen ihr Gepäck nach dem Check Out übrigens direkt in den Kofferraum des Neuwagens gestellt. Also sollte man das vorher mal bei der Probefahrt zu Hause üben, nicht dass die große Hartschale nebst der Ausbeute vom Fashionshopping den Laderaum des neuen Autos sprengt. Der spontane Versuch, auf einen Variant zu wechseln funktioniert nämlich logischerweise nicht.

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Im Juni dieses Jahres wurde übrigens das 2,5 Millionste Auto in der Autostadt ausgeliefert. Es handelte sich um einen VW Tiguan. Was auch sonst in diesen Zeiten. Das SUV-Modell macht auch bei meinem Besuch den Großteil der Autos aus, die im Kundencenter darauf warten, von den neuen Besitzern nach Hause gefahren zu werden. Ganz nebenbei bemerkt man auch das ein oder andere Auto mit spanischem Markennamen. Neben VW kann man auch seinen neuen Seat in der Autostadt abholen.

Aber auch ohne Neuwagenvertrag in der Tasche lohnt sich ein Besuch in der angenehm surreal-überzeichneten kleinen Parallelwelt am Mittellandkanal. Mit dieser Meinung bin ich gewiss nicht allein. Über zwei Millionen Besucher im Jahr verbringen Zeit unter den sechs Türmen. Da sind also auch eine Menge Menschen dabei, die nicht nur mit Kennzeichen unter dem Arm in das Auslieferungscenter spazieren.

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Diese Menschen lassen sich auch von den Events unter die Türme locken, mit denen die Autostadt sommers wie winters für besondere Erlebnisse sorgt. Seit 23. Juni und noch bis 31. Juli findet die 2016er-Ausgabe des alljährlichen Sommerfestivals statt. In diesem Jahr wurde ein neues Konzept gestartet. Statt der Konzentration auf Wasserspiele versammeln die Organisatoren unter dem Motto „Cirque Noveau Mobile“ hochkarätige Artistik-Shows und Walk-Acts in Wolfsburg. Dazu ist das Areal mit Foodtrucks übersät, die von belgischen Pommes bis zu heißem Kaffee viele Gaumenfreuden bieten.

Alles ist hervorragend portioniert. Wer die Zeit mitbringt, einfach mal einen halben Tag herumzuschlendern oder es sich sonnenbadend auf einer der Grünflächen bequem zu machen, kommt aus dem Entdecken von Künstlern, Installationen und kulinarischen Eindrücken kaum heraus. Man ist auf gewisse Art und Weise dauererfreut, ähnlich wie Charlie und sein Freunde beim Besuch der Schokoladenfabrik von Willy Wonka. Auch in der kalten Jahreszeit ist für Abwechslung gesorgt: Im Winter laden die komplett zugefrorenen Wasserflächen zum Eislaufen ein und Marktbuden sollen unter dem Anblick der beleuchteten Kraftwerk-Türme für adventliche Stimmung sorgen.

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Text: Bernd Conrad
Bilder: Bernd Conrad