WEC 6 Stunden am Nürburgring Der Sonntagsfahrer

Einblicke in die Arbeit bei Ford Chip Ganassi Racing.



Motorsport: für manche Menschen ist das ein schlichtes, sonntägliches Um-den-Kreis-Fahren. „Was hat Autofahren denn mit Sport zu tun?“ Diese Frage wurde gewiss in manchem Haushalt des Öfteren gestellt. Eine ganze Menge natürlich, das weiß jeder, der schon einmal auch nur kurz in einem Rennwagen mitfahren durfte – die Kräfte, die wirken, die Hitze und der Lärm erfordern hartes Training. Dazu kommt die mentale Fitness.

WEC 6 Stunden am Nürburgring

Um das aus erster Hand zu erfahren, bin ich zum FIA WEC 6-Stunden-Rennen an den Nürburgring gereist. Das Rennen auf dem Grand Prix -Kurs in der Eifel ist eine von neun globalen Stationen der weltweiten Rennserie, bestehend auch acht 6-Stunden-Rennen und den legendären 24 Stunden von LeMans. Neun Rennen im Jahr, klingt nach einem gut bezahlten Teilzeitjob oder? Wieder falsch.

„Ich bin ungefähr 200 Tage im Jahr unterwegs“, erzählt Stefan Mücke am Vorabend des Rennens. Der sympathische Berliner ist einer von vier Fahrern des Ford Chip Ganassi Teams. Der Hersteller tritt mit zwei Ford GT in der LMGTE Pro Klasse an.

WEC 6 Stunden am Nürburgring

Der Rennfahrer spaziert natürlich nicht nur zum Gas geben in die Box. Im eng verzahnten Räderwerk des Teams sind die Piloten das ganze Jahr in die Entwicklung, Tests und Abstimmung der Autos involviert. „Wir laborieren teilweise an einer Sturzverstellung der Räder in der Größenordnung von 0,2 Grad herum, was merkbare Auswirkungen auf die Rundenzeiten hat“, erklärt Stefan Mücke.

Schon früh morgens herrscht konzentrierter Hochbetrieb in den Boxen der beiden Ford GT mit den Startnummern 66 und 67. Beim Qualifying am Vortag haben die Piloten die beiden Autos auf die Startplätze vier und sechs gestellt. Die Mechaniker beginnen ihren Tag mit Aufwärmübungen, denn beim der Choreografie für Reifenwechsel und Tanken sind auch hier Leistungen gefordert. Auch die Fahrer sind vor Ort, keine abgehobenen Stars, sondern Teil der Mannschaft.

WEC 6 Stunden am Nürburgring

Im vormittäglichen Nieselregen toben sich die Rennserien der Formel Renault, des Porsche Carrera Cup und der Formel V8 3.5 (Ihr denkt, die Formel 1 ist laut?) auf der nassen Strecke aus, bevor um 12 Uhr die Langstreckenautos auf die Startgerade rollen. Wie von einem anderen Stern wirken vor allem die LMP1-Apparate Porsche 919 Hybrid und Toyota TS050 Hybrid. Mit LMP1, LMP2, LMGTE Pro und LMGTE sind 29 Autos am Start, was während des gesamten Rennverlaufs für ordentlich Verkehr auf der Strecke sorgt. Für die anwesenden Fans ist also stets etwas geboten. Die WEC-Autos fahren sechs Stunden lang über die 4,5 Kilometer lange Grand Prix-Strecke – hier ist bei allen Fahrern höchste Konzentration gefordert.

WEC 6 Stunden am Nürburgring

Für jedes Auto stehen zwei Fahrer bereit, die abhängig von der Boxenstrategie bei jedem Reifenwechsel tauschen – im Schnitt alle 60 bis 90 Minuten. Wenn ich Stefan Mücke dabei beobachte, wie er in wenigen Sekunden samt eigener Sitzschale im Auto verschwunden ist und ich daran denke, wie lange ich vor Kurzem brauchte, um in ein anderes Langstrecken-Rennauto zu klettern, wächst mein Respekt weiter.
Am Ende des langen Renntages kommen die beiden Ford GT nach sehenswerten Zweikämpfen gegen die Werks-Aston Martin Vantage und den Ferrari 488 GTE von AF Corse als fünft- und sechstplatzierte ins Ziel, trotz zweier Kollisionen. Das erhoffte Podium war damit leider nicht in Griffweite, dennoch ist das Team zufrieden. Ford Chip Ganassi Racing ist in der Herstellerwertung nun punktgleich mit dem AF Corse Team jetzt auf dem zweiten Platz.

WEC 6 Stunden am Nürburgring

Genug Motivation, um beim nächsten Lauf am 3. September in Mexiko weiter anzugreifen. Bis dahin lässt es Stefan Mücke – wie nicht anders zu erwarten – kaum ruhiger angehen. Während die beiden Ford GT aufgrund der langen Pause zwischen den Rennen eine Kreuzfahrt im Schiffscontainer machen dürfen, wird er mit dem Team weiter testen. Und wenn er doch mal zu Hause auf der Couch sitzen könnte?

„Ich komme aus einer Motorsportfamilie. Wenn wir im Kalender sehen, dass wir alle mal zu Hause sind, finden wir schon irgendeine Oldtimer-Rallye, bei der wir an den Start gehen können.“

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Text: Bernd Conrad
Bilder: Bernd Conrad (12), Drew Gibson (2)
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