Bon Voyah: Dongfengs Premium-Marke kommt mit Stellantis-Hilfe nach Europa. Wir haben alle Infos zu neuen Konzern-Strategie!
Der europäische Vielmarken-Konzern Stellantis hat im Rahmen eines Investorentags seine neue Strategie „Fastlane 2030“ verkündet. In den kommenden fünf Jahren sollen 60 Milliarden Euro investiert werden, um die Strukturen des Unternehmens und die Produkte zukunftssicher zu machen. Dabei spielen Kooperationen mit chinesischen Partnern eine wichtige Rolle.
Aus für Abarth?
Bis 2030 sollen 60 komplett neue Modelle und 50 Facelifts bzw. Überarbeitungen ihre Premieren feiern. Darunter sind 29 reine Elektroautos, 15 Modelle mit Range Extender oder als Plug-in Hybrid, 24 Hybride ohne Stecker und 39 Verbrenner – teilweise als Mild-Hybrid – geplant. Schon vorab ist durchgesickert, dass Stellantis sich in Zukunft bei der Investition in neue Technologien auf vier globale Kernmarken konzentrieren will: Fiat, Jeep, Peugeot und RAM. Auch die Nutzfahrzeug-Sparte Stellantis Pro bleibt ein weltweit integraler Bestandteil, dazu kommt das Joint Venture mit dem chinesischen Hersteller Leapmotor.
Die fünf Marken Alfa Romeo, Chrysler, Citroën, Dodge und Opel sollen eine „regionale Rolle“ bekommen. Die künftigen Modelle werden also als Varianten von Fahrzeugen der vier Kernmarken basieren und für die Bedürfnisse von Märkten und Kunden angepasst. Auch DS Automobiles und Lancia werden im Strategiepapier genannt. Beide sollen in Zukunft die Rolle von „lokalen Spezialmarken“ erhalten. DS dürfte also in Frankreich, wie vor der gescheiterten Wiederbelebung als eigene Marke, edlere Versionen von Citroën- oder Peugeot-Modellen anbieten, Lancia in Italien die Fiat-Edelschmiede werden. Abarth fehlt in der Aufzählung. Die aktuellen Elektro-Modelle 500 und 600 haben sich vom einstigen Markenkern nicht nur preislich zu weit entfernt, das Skorpion-Logo könnte künftig wohl für Tuningteil ab Werk genutzt werden.
Den Plan für die Zukunft von Maserati will Stellantis erst im Dezember 2026 vorstellen. Bis dahin sollten die Verhandlungen mit BYD als möglichem Investor abgeschlossen sein. BYD-Managerin Stella Li hat kürzlich öffentlich das Interesse der Chinesen an Maserati bekundet – ohne Kalkül macht man das gewiss nicht.
China-Autos aus Euro-Werken
Das Joint Venture mit Leapmotor für das internationale Geschäft der chinesischen Marke, an dem Stellantis 51 Prozent der Anteile hält, wird ausgebaut. Ab 2026 produziert Leapmotor den kompakten B10 im Stellantis-Werk Figueruelas bei Saragossa (Spanien). Ab 2028 kommt aus dieser Fabrik außerdem ein neues Modell von Opel, das die Leapmotor-Technologie unter dem markentypischen Blechkleid nutzt. Dann wird die Rolle von Opel als „regionale Marke“ deutlich sichtbar, so wie heute beim kleineren Frontera , der ein Derivat des Citroën C3 Aircross ist.
Bereits seit 34 Jahren arbeitet Stellantis in China mit der Dongfeng Motor Corporation zusammen. Diese Kooperation wird deutlich ausgebaut. Ab 2027 soll Dongfeng in China jeweils zwei neue Modelle für die Marken Peugeot und Jeep entwickeln und fertigen – auch für den Export. Auf der Messe Auto China in Peking hat Peugeot bereits zwei Designstudien für künftige Topmodelle der Marke gezeigt. Sie dürften die ersten Autos aus einem Dongfeng-Werk werden. Zudem soll ein neues Joint Venture mit Dongfeng in Europa gegründet werden. Analog zum Konstrukt mit Leapmotor will Stellantis auch an diesem Unternehmen mit 51 Prozent die knappe Mehrheit halten.
Beide Konzernen planen hier die Zusammenarbeit im Einkauf, in der Entwicklung, in der Produktion und im Vertrieb von Dongfeng-Fahrzeugen mit alternativen Antrieben in Europa. Konkret: Im französischen Werk Rennes, in dem aktuell der Citroën C5 Aircross gebaut wird, sollen künftig auch Autos der chinesischen Premium-Marke Voyah von den Bändern rollen. Dieser Plan lässt das Fragezeichen hinter den europäischen Labels Alfa Romeo, DS und Lancia nochmals größer werden.
Stellantis will die eigene Produktionskapazität in Europa um 800.000 Autos pro Jahr reduzieren. Die Fertigung chinesischer Modelle in den Fabriken und die Umwidmung von Standorten soll gleichzeitig dabei helfen, diesen Plan ohne den Abbau von Arbeitsplätzen umzusetzen. Auch bei der Entwicklung neuer Modelle will man umdenken und dürfte auch hier von den Chinesen lernen. In Zukunft soll ein Auto in 24 Monaten serienreif sein. Die Vorlage liefert die Entwicklung des neuen Renault Twingo als Kooperation des französischen Konkurrenten mit Geely in China.
E-Car kommt 2028
Der Erfolg der jüngsten Renault-Modelle Twingo, R5 und R4 dürfte auch die Produktstrategen bei Stellantis beeinflusst haben. Für die im Oktober stattfindende Automesse in Paris hat Citroën eine Weltpremiere angekündigt, Insider sprechen von der Studie einer 2CV-Neuauflage als Elektroauto im Retro-Stil. Zusätzlich wird in naher Zukunft ein neues "E-Car" kommen - nach der neuen Stellantis-Strategie wohl zuerst als Fiat.
Bis 2028 soll unter diesem Projekttitel ein günstiger Elektro-Kleinwagen für wohl 15.000 Euro entstehen, der im italienischen Werk Pomiglia gebaut werden soll. Stellantis will mit dem Projekt einer geplanten EU-Richtline für die Unterstützung europäischer Elektroauto-Projekte entsprechen – ohne dass die genauen Richtlinien schon veröffentlicht wurden.
In den größeren Klassen, nämlich in den Segmenten B (Kleinwagen), Kompakt- (C ) und Mittelklasse (D) setzt der Konzern ab 2027 mit einer neuen modularen Plattform namens STLA One an. Von der neuen Fahrzeugarchitektur, die für das SDV (Softwar Defined Vehicle) namens STLA Brain, die neue Interaktions-Oberfläche STLA Smart Cockpit und für Steer-by-Wire bereit sein soll, verspricht sich Stellantis eine Steigerung der Kosteneffizienz um 20 Prozent.
STLA One wird Elektroautos mit LFP-Akkus und 800-Volt-Technologien ebenso tragen wie „Multi Energy“-Modelle, also E-Autos mit Range Extender und Hybride. Mehr als 30 unterschiedliche Fahrzeugtypen weltweit sollen auf dieser Basis aufbauen, bis 2035 sind über zwei Millionen Einheiten pro Jahr geplant.
Nicht nur China
Zusätzlich zur Verästelung mit chinesischen Partnern setzt Stellantis auch auf Joint Ventures mit JLR (Jaguar Land Rover) und deren indischem Eigentümer Tata. Die Strategie liegt auf der Hand: Vor allem für den Erfolg auf dem US-Markt mit Jeep und RAM setzt Stellantis auf Projekte ohne chinesische Beteiligung. Mit JLR plant man die Entwicklung neuer Modelle in den USA. Tata kommt als Partner für Einkauf, Entwicklung und Produktion in den Regionen Naher Osten, Afrika und Südamerika mit an den Tisch.
Analyse und Fazit
Die Autoindustrie verändert sich, vor allem (aber nicht nur) in Europa. China gibt den Takt bei der Entwicklung neuer Modelle vor. Der schwächelnde Markt dort zwingt die Asiaten zudem, verstärkt neue Märkte zu erschließen. Da helfen auch keine EU-Zölle. Die schwache Auslastung von Werken schafft Raum für die Produktion von Autos chinesischer Marken. Aktuell bei Auftragsfertigern wie Magna in Österreich (Xpeng, GAC), bald auch in neuen Fabriken (BYD in Ungarn) und in Kooperation mit europäischen Konzernen. Stellantis plant, Fahrzeuge der Dongfeng-Marke Voyah in Frankreich zu bauen, gleichzeitig entwickelt und fertigt der chinesische Staatskonzern je zwei neue Modelle für Peugeot und Jeep.
Das schon jetzt (zu) weit aufgefächerte Marken-Programm von Stellantis dürfte dabei noch stärker unter Druck geraten. Offiziell will man an den Marken festhalten, solange sie Käufer finden. Aber wo wird die Grenze gezogen? Lohnen Investitionen in DS Automobiles und Lancia noch, auch wenn es nur noch lokale Luxus-Ableger von Citroën / Peugeot oder Fiat sind? Welche Rolle soll Alfa Romeo einnehmen, nachdem die Motorsport-Tradition im Gleichteile-Regal komplett verblasst? Abarth ist schon jetzt nicht mehr Teil der Pläne. Und wenn BYD öffentlich über eine Möglichkeit der Kooperation oder Übernahme von Maserati spricht, dann dürfte auch dieser Schritt hinter den Kulissen schon in finalen Zügen verhandelt werden – im Dezember wissen wir mehr.
Strategie-Vorbild im Video: Entwicklung von Renault in China